Was haben Sie angerichtet, Frau Köhler?!

29. April 2016

Eigentlich haben Stefan Niggemeier und Martin Vogel selbst alles Nötige geschrieben zum Streit darüber, ob die VG Wort offenkundig rechtswidrig einen Teil ihrer Einnahmen an die Verlage ausschütten darf, oder ob sie ihrer treuhänderischen Funktion entsprechend die Vergütung an die Rechteinhaber weiterleiten muss, und zu der klärenden Entscheidung des BGH (leider noch nicht im Volltext veröffentlicht) dazu.

Aber nachdem ich nun gestern Abend auf zeit.de Karen Köhlers offenen Brief dazu gelesen habe, fühle ich das dringende Bedürfnis, mich doch noch mal dazu zu äußern. Und wie anders sollte ich das tun als in einem eigenen offenen Brief?

Liebe Frau Köhler,

seit gestern frage ich mich, ob Sie eigentlich wissen, was Sie da geschrieben haben. Ob Ihnen klar ist, wie niederträchtig und unaufrichtig Ihr Beitrag geworden ist, und wie atemberaubend unfair gegenüber seinem Adressaten, Herrn Martin Vogel, oder ob Sie sich vielleicht nur emotional haben mitreißen lassen, und gar nicht richtig verstehen, wie furchtbar das geworden ist. Kann ja mal passieren. Nun nehme ich nicht an, dass Sie diesen Post hier je lesen werden, und auch Martin Vogel wird ihn leider wohl nicht finden – ich wünsche ihm, dass er ihn auch nicht braucht und das wütenden Gegröhle, das jetzt überall gegen ihn erschallt, eher mit Genugtuung denn mit Schmerz wahrnimmt -, aber ich fühle mich trotzdem gedrängt, es zu erklären, und Ihrem Werk etwas entgegenzusetzen, weil ich den Gedanken nicht ertrage, dass es da so unkommentiert im Internet herumsteht. Na gut, unkommentiert stimmt nicht, es stehen ja Kommentare drunter. Aber jedenfalls noch keiner von mir. Außerdem finde ich die Geschichte exemplarisch so interessant, dass ich gerne sicher gehen möchte, dass meine Leser(innen) drüber informiert sind.

Sie schreiben:

ich frage mich, ob Sie sich tatsächlich darüber freuen können, Recht zugesprochen bekommen, aber eine Schneise der Verwüstung in der deutschen Verlagslandschaft hinterlassen zu haben.

Dieser Satz ganz allein illustriert schon fast die ganze Misere, scheint mir. Er ist auf so vielen Ebenen unaufrichtig und gemein und unvernünftig, dass es richtig Arbeit wird, das aufzudröseln. Aber ich bin ja selbst Schuld, ich hab mir das selbst ausgesucht. Ans Werk.

  1. Beginnen wir am Anfang: Die Frage, „ob Sie sich tatsächlich darüber freuen können“ impliziert durch diese Formulierung erstens, dass Herr Vogel das alles nur zum Spaß gemacht haben könnte, und zweitens, dass er sich eventuell tatsächlich über den Schaden freut, den er Ihrer Meinung nach angerichtet hat, nur weil er so gerne recht hat, oder schlicht böse ist.
  2. Sie sind sich natürlich zu schade dafür, Herrn Vogel zuzugestehen, dass er Recht hat. Er hat es in Ihrem Satz nur zugesprochen bekommen.
  3. Die „Schneise der Verwüstung“, wie Sie hier formulieren – danke für die bescheidene Zurückhaltung, immerhin hätten Sie ja auch irgendwas vom Holocaust schreiben können – hat Herr Vogel nicht einmal dann hinterlassen, wenn sie tatsächlich kommen sollte, denn bisher ist sie nicht da, und Sie nennen auch keine Fakten, die klar den Schluss zulassen, dass sie kommen wird, und schließlich, und das ist natürlich das Hauptproblem
  4. sieht Ihre Wortwahl ganz klar einen einzigen Verantwortlichen für diese Verwüstung, nämlich Herrn Vogel, der einfach nur einen Betrag eingeklagt hat, von dem er vollständig zurecht der Meinung war, er stehe ihm zu, und sei ihm vom damit beauftragten Treuhänder rechtswidrig vorenthalten worden. Dass zum Beispiel die VG Wort und die Verlage, die diese schreiend unzulässige Praxis sehenden Auges jahrzehntelang so haben bestehen lassen und dabei keinerlei Bereitschaft zu Gespräch oder Einsicht, geschweige denn irgendeiner Anpassung, gezeigt haben, auch was mit dem Problem zu tun haben, kommt bei Ihnen nicht mal als Möglichkeit vor. Schuld an der Blöße des Kaisers ist in Ihren Augen das Kind, das sie ausspricht. Kommt rüber, warum ich oben von Niedertracht und Unaufrichtigkeit gesprochen habe, obwohl ich ja generell Bescheidenheit in der Wortwahl befürworte?

Bisher habe ich knapp 1.700 Euro von der VG Wort erhalten, mein Verlag also etwa 730 Euro (das weiß ich nicht genau, das habe ich nur errechnet). Soll ich Ihnen etwas sagen: Das finde ich vollkommen in Ordnung. Selbst wenn wir halbe-halbe gemacht hätten, fände ich das immer noch in Ordnung.

Warum dieser rhetorische Kniff unanständig ist, habe ich vor einer Weile schon mal erklärt. Soll ich Ihnen etwas sagen: Sie können Ihrem Verlag weiterhin so viel von Ihrem Geld geben, wie Sie wollen. Niemand möchte oder darf Sie daran hindern. Genausowenig wie es Ihnen zusteht, das Geld anderer Leute deren Verlagen zuzusprechen, nur weil Sie Ihren so gerne mögen. Und um Himmels Willen, wie gerne Sie ihn offenbar mögen:

Viele Aufgaben, die mein Verlag erfüllt, kann und will ich nicht alleine übernehmen. Ich brauche dafür ein Gegenüber. Angefangen bei der ersten Arbeit am Manuskript, dem In-Form-Bringen des Inhalts, bis zur äußeren Form, der Gestaltung und dem Druck des Buches. Dann denke ich weiter an den Vertrieb, an die tapferen Vertreter, die von Buchhandlung zu Buchhandlung tingeln und Inhalte anpreisen, dazu hätte ich gar nicht die Zeit

Auch hier danke ich Ihnen wieder für die Zurückhaltung, die „tapferen“ Vertreter nicht noch durch Schnee und Hagel stapfen und ihre sieben hungrigen Kinder nebst der schwer kranken Ehefrau, die sie sicherlich zu Hause haben, unerwähnt zu lassen.

Dass diese Aufgaben von anderen Leuten, von Spezialisten, übernommen werden, finde ich gut. Und dass diese Spezialisten einen Anteil daran haben, wie erfolgreich ein Buch ist, […] das ist für mich selbstverständlich.

Auch wenn sie das in den folgenden Sätzen noch erläutern: Das liest sich zunächst, als wollte irgendwer, namentlich Herr Vogel, was daran ändern. Als führte Herr Vogel einen Feldzug zur vollständigen Vernichtung der Verlage und wollte ihnen ihren Anteil wegnehmen, den sie sich doch so selbstverständlich durch ihre unerschütterliche Tapferkeit und Partnerschaft und selbstlose Grundgüte verdient haben. Sie sind professionelle Schriftstellerin, deswegen fällt es mir schwer, Ihnen abzunehmen, dass Ihnen das nicht aufgefallen ist. Dabei wissen Sie ja genau, wie Sie etwas später auch schreiben, dass die Verlage schon ganz unabhängig von der VG Wort „einen Anteil“ daran haben und auch weiterhin haben werden, nämlich den bei Weitem höchsten von allen Beteiligten.

Aus allen diesen Gründen bin ich auch einverstanden, dass ein Teil der VG-Wort-Tantiemen an meinen Verlag fällt. Das ist für mich ein partnerschaftliches Teilen und selbstverständlich.

Und wieder: Okay. Dann teilen Sie, wenn Sie wollen. Sie dürfen das entscheiden, denn es ist Ihr Geld. Nicht entscheiden dürfen Sie über das Geld anderer Leute, genausowenig wie wie die VG Wort, denn es ist weder Ihr Geld, noch das der VG Wort, es ist das Geld der anderen Leute. Und wenn man über das Geld anderer Leute gegen deren Willen entscheidet und verfügt, dann ist das nicht partnerschaftliches Teilen und selbstverständlich, sondern es ist rechtswidrig, und in meinen Augen wäre auch der Begriff „kriminell“ nicht zu überzogen. Dass Sie diesen Unterschied nicht nur ignorieren, sondern auch noch mindestens fahrlässig verwischen, ist in meinen Augen unanständig.

Es mag sein, dass es im wissenschaftlichen Buchbereich um die Idee der Partnerschaftlichkeit nicht ganz so rosig bestellt ist, wo ja oftmals der Druck des einzelnen Werkes vollständig durch die Autoren finanziert werden muss. Dass da ein Gefühl von Ungerechtigkeit aufkommt, kann ich nachvollziehen.

Man kennt das ja. Im Bereich der Belletristik kommt ein solches Gefühl niemals auf, weil es da so schön rosig bestellt ist um die Partnerschaftlichkeit. Fies von diesem doofen Wissenschaftler, dass er das jetzt auch für andere kaputt machen will, nur weil er selbst keine Freude im Leben hat. Oder wie meinen Sie das?

Das liegt vielleicht dann aber nicht an der VG-Wort-Verteilung, sondern an einem Strukturproblem bei Veröffentlichungen innerhalb des Wissenschaftsbetriebes?

Mag sein. Kann aber dahin stehen. Hat nämlich zum Glück absolut nichts mit der Frage zu tun, ob die VG Wort das Geld, das sie für die Urheber treuhänderisch verwalten soll, einfach ohne deren Zustimmung an irgendwelche anderen Leute ausschütten darf. Wenn ich Sie dran erinnern darf: Dass Herr Vogel diesen Prozess geführt hat, weil mal ein Verlag nicht so lieb zu ihm war, war Ihre These. Es ist deshalb keine ganz so triumphale Erkenntnis wie Sie womöglich meinen, dass das keinen Sinn ergibt.

Und dann schreiben Sie noch mal recht viel darüber, wie wunderbar doch gerade die kleinen Verlage sind, die so mutig Risiken mit unbekannten Autoren und möglicherweise nicht so rentablen Projekten eingehen und damit die besondere Vielfalt der deutschen Literatur undsoweiterundsofort, und kommen zu dem Schluss:

Die angebliche Kluft zwischen Verlagen und Autor*innen, die Sie mit Ihrer Klage weiter befeuert haben, ist für mich nur ein Abstand, der sich mit einem Händeschütteln überwinden lässt.

Und ich weiß, ich wiederhole mich, aber weil Sie es ja auch tun, möchte ich es noch mal ganz klar aufschreiben:

Die VG Wort zahlt seit Jahrzehnten Geld, das den Urhebern zusteht, und das sie ihrer Aufgabe nach für diese nur treuhänderisch verwaltet, ohne deren Zustimmung an die Verlage aus, und ist auch nicht bereit, darüber zu reden, ob diese offenkundig unzulässige Praxis vielleicht irgendwie mal überarbeitet werden sollte. Herr Vogel versucht dies trotzdem, und niemand redet mit ihm. Er wird abgeblockt, ignoriert, lächerlich gemacht. Und dann klagt er eben, und bekommt nach Jahren am Ende Recht. Jahre, die weder die Verlage, noch die VG Wort nutzen, um etwas zu verändern, obwohl klar abzusehen ist, wie die Sache ausgeht.

Und Sie haben im Ernst die Dreistigkeit, Herrn Vogel jetzt vorzuwerfen, er hätte eine Schneise der Verwüstung geschlagen und die Kluft zwischen Verlagen und Autor*innen befeuert, auch wenn die Ihrer Meinung nach eigentlich gar nicht existiert? (Ich hätte fast der Versuchung widerstehen können, die Katachrese zu kommentieren, aber ich kanns jetzt doch nicht, weil mir Ihr Text so unsympathisch ist und ich sie gerade wirklich ulkig finde. Pardon.)

Wow. Das gefällt mir nicht. Das gefällt mir sogar überhaupt nicht.

[Offenlegung: Ich habe im Jahr 2015 von der VG Wort 900€ für die Verwertung einer mehr oder weniger wissenschaftlichen Veröffentlichung erhalten.]


Mehr Fairness im Netz

28. Juni 2014

Ayn Rand hätte ihre Freude, wenn sie noch vom Leistungsschutzrecht erfahren hätte, und mich ärgert das ein bisschen, denn ich gönne es ihr nicht. Sogar in ihrer völlig albernen Karikaturwelt waren die Schmarotzer nicht dummdreister und widerlicher, und obwohl ich nur das eine Buch von ihr gelesen habe, will ich wetten, dass sich in ihrem gesamten Werk kein erbärmlicheres Beispiel dafür findet, wie sich Menschen hinter dem Rockzipfel der Staatsgewalt vor der bösen Welt zu verstecken versuchen und schimpfend und zeternd Leviathan dazu auffordern, die Hand, die sie füttert, doch noch ein bisschen kräftiger zu beißen.

Da ist also diese Gemeinschaft von Verlagen, die sich einerseits einbilden, eine unersetzlich kostbare Leistung zu erbringen, die unabhängig von ihrem wirtschaftlichen Wert konstitutiv für unsere Gesellschaft und die Demokratie und wahrscheinlich auch für den Fortbestand von süßen Katzenbabys ist und ohne die aber auch wirklich gar nichts mehr ginge, und andererseits der Meinung sind, dass diese Leistung nicht angemessen vergütet wird, weil es da dieses niederträchtige, ebenso dreiste wie durchsichtige Unternehmen gibt, das sie anderen Menschen zugänglich macht, davon profitiert, und ihnen dadurch die Kunden und Umsätze wegschnappt, die sie gerne selbst hätten. Auf allfällige Hinweise, dass es ihnen ja jederzeit frei stünde, ihre kostbaren Inhalte nur noch direkt zu vertreiben und durch wenige Tastendrücke dem Zugriff des niederträchtigen Parasiten zu entziehen, reagieren sie wahlweise gar nicht oder mit unverschämten Lügen, und fordern stattdessen eine gesetzliche Regelung, die ihnen eine zwangsweise Vergütung für die Nutzung ihrer Inhalte garantiert, die ihnen wahlweise entweder sowie schon zugestanden hätte oder jetzt willkürlich allen anderen Produzenten anderer Inhalte vorenthalten wird.

Darauf reagiert – wer hätte das gedacht? – der niederträchtige Parasit mit dem Angebot, die kostbaren Inhalte der Verlage einfach nicht mehr weiter zu verbreiten, gibt ihnen aber auch die Möglichkeit, auf ihren Vergütungsanspruch zu verzichten, wenn er es doch tut. Die Verlage entscheiden sich daraufhin mit überwältigender Mehrheit dafür, den Parasiten weiter machen zu lassen, ohne die Gebühr zu bezahlen, weil sie genau wissen, dass in Wahrheit sie selbst es sind, die bisher  unentgeltlich von der Leistung anderer profitiert haben, und dass sie auf die Leistung des Parasiten nicht verzichten können, wenn sie überleben wollen.

Als den Verlagen klar wird, was passiert ist, und wie unschön das ist, beschließen sie nach einiger Bedenkzeit, dass es ja wohl nicht sein kann, dass so unfassbar unverzichtbare Säulen der Gesellschaft, wie sie es sind, sich jetzt schon entscheiden müssen, ob sie ihren Kuchen essen oder behalten wollen. Wo kämen wir denn da hin? Wutentbrannt fordern sie beides: Der Parasit möge bitte zahlen, und zwar ohne die Möglichkeit, auf die Leistung zu verzichten, von der er angeblich so sehr profitieren soll, was – wir erinnern uns – ursprünglich mal die Rechtfertigung der ganzen Aktion war.

Und die Politik ist natürlich dabei, was sicher nichts damit zu tun hat, dass etwa die SPD erhebliche Teile ihres Vermögens in Verlage investiert hat, so dreist und durchsichtig wären die bestimmt nie. Andererseits ist anders schwer erklärbar, auf wie unverschämte Weise sich zum Beispiel unser Justizminister Herr Maas (SPD) öffentlich auf die Seite der Verlage stellt und nun behauptet, wenn Google aufhören würde, auf unverschämte Weise von den ehrlich im Schweiße ihres Angesichts erarbeiteten Leistungen deutscher Verlage zu profitieren, was – ich denke, man kann nicht oft genug dran erinnern – der ursprüngliche Vorwurf der Verlage war, dann wäre das Zensur, und weiter:

Es kann nicht sein, dass Internet-Giganten ihre Marktmacht missbrauchen, um sich auf Kosten deutscher Verlage zu bereichern. Das ist nicht gerecht, das ist nicht fair.

Wir halten fest: Wenn Google die Inhalte der Verlage (auszugsweise) in seinen Suchergebnissen anzeigt und zugänglich macht, dann profitiert es damit auf unlautere Weise von ihrer Leistung, und wenn Google das nicht mehr tut, dann … auch. Oder so. Und deshalb soll Google zahlen, und zwar ordentlich, und zwar schnell, weil sonst ist das nicht fair.

Und währenddessen fordert unsere Arbeitsministerin Frau Nahles (SPD) eine Ausnahme vom Mindestlohn für Zeitungsausträgerinnen, weil es natürlich für das Fortbestehen unserer Gesellschaft unverzichtbar ist, dass wir jeden Tag Tonnen von Papier durchs Land fahren, in denen Leute dann lesen können, dass es natürlich für das Fortbestehen unserer Gesellschaft unverzichtbar ist, dass wir jeden Tag Tonnen von Papier durchs Land fahren, in denen Leute dann lesen können, dass es natürlich für das Fortbestehen unserer Gesellschaft unverzichtbar ist, dass wir jeden Tag Tonnen von Papier durchs Land fahren, in denen Leute dann lesen können, dass es natürlich für das Fortbestehen unserer Gesellschaft unverzichtbar ist, dass wir jeden Tag Tonnen von Papier durchs Land fahren, in denen Leute dann lesen können …

Hat noch jemand das Gefühl, dass da irgendwas strukturell kaputt ist?


an Größenwahn grenzende Arroganz

29. Oktober 2012

Ich habe zum Beispiel über den Game One Newspodcast davon erfahren: Apple hat die Preise für seine Apps erhöht, ohne mit den Leuten drüber zu reden, die diese Apps erstellen und mit Inhalten versorgen. Das ist einigermaßen dreist von Apple. Das ist schlechter Stil. Gar keine Frage. Es fällt mir besonders leicht, das zuzugeben, weil ich Apple nicht besonders mag, und weil dieses Nichtbesondersmögen sich durch den unsäglichen Hype um jedes neue leicht angepasste Produkt aus diesem Haus inzwischen in eine solide Antipathie entwickelt hat.

Dennoch gelingt es dem Spiegel (full disclosure: den ich noch weniger leiden kann) mühelos, die von Apple bereits ambitioniert angelegte Messlatte an Dreistigkeit und schlechtem Stil zu übertreffen. Was hält der Spiegel denn von Apples Preiserhöhung?

 Wir halten das für einen skandalösen Vorgang von grundsätzlicher Bedeutung.

Ahja. Fällt jemandem ein Beispiel für einen Artikel ein, der einen Vorgang als „skandalös“ bezeichnet und trotzdem noch lesenswert ist? Es gibt bestimmt welche. Ich weiß nur gerade keins. Um diese Einschätzung zu untermauern, legt das Sturmgeschütz der Demokratie (Na, kommt schon. Ihr habt nicht ernsthaft damit gerechnet, dass ich den ersten Spiegel-Post im Internet schreibe, in dem dieser Begriff nicht vorkommt, oder? So avantgardistisch bin ich dann auch wieder nicht.) mit einem Vergleich nach, der natürlich, wie sich das für ein seriöses, nur der Wahrheit und der Aufklärung verpflichtetes Medienunternehmen gehört, penibelst die realen Umstände abbildet und sich darauf beschränkt, sie ohne jede Verzerrung zu veranschaulichen:

Nehmen wir an, Sie, lieber Leser, verkaufen auf einem Dorfplatz Obst. Wie würden Sie reagieren, wenn eines Nachts der Marktbetreiber kurzerhand all Ihre Preisschilder ummalte? Hier werden aus 79 Cent vielleicht 89. Da aus 3,99 Euro 4,49. Alles jedenfalls wird teurer. Erklärungen gibt es keine. Stattdessen hält der Typ am nächsten Morgen die Hand auf: „Ich krieg‘ davon übrigens noch 30 Prozent.“

Und genau wie „auf einem Dorfplatz“ läuft es ja gewiss auch, wenn man als riesiger Verlagskonzern im Applestore eine App anbietet. Man steht da halt in seinem handgezimmerten Stand mit dem Tapeziertisch von Opa, kaut auf einem Strohhalm herum und wartet, malt liebevoll gestaltete Preisschilder, kassiert das Geld vom Kunden, und ist dann völlig verblüfft, wenn ohne Vorwarnung so ein „Typ“ vor einem steht und einem sagt, dass er eine Umsatzbeteiligung zu kriegen hat.

Ich persönlich hätte ja eher gedacht, dass der Store von Apple betrieben wird, und die Abwicklung der Zahlungen auch Apple organisiert, dass am Ende nur die Verlage ihren Anteil vom Umsatz bekommen. Ich wäre auch davon ausgegangen, dass dieser Anteil, und überhaupt das ganze Procedere, vorher haarklein in professionell abgefassten Verträgen festgehalten wird, den die Anwälte beider Seiten gründlich geprüft haben. Aber offenbar ist die Welt der Medien-Apps eine viel idyllischere, als ich bisher angenommen habe. Eben weil ich diesem peinlichen Irrtum aufgesessen bin, hätte ich bis gerade eben wahrscheinlich auch gesagt:

Was regt ihr euch auf, ihr nörgeligen Totholz-Medien? Apple gehört eben der Laden. Und wer dort seine Produkte verkaufen möchte, muss eben auch das Recht des Hausherrn akzeptieren, dass der die Preise festlegt.

Aber jetzt weiß ich es ja besser. Und für die anderen hat der Spiegel ein Gegenargument am Start, dem sich nun wirklich niemand verschließen kann:

Aber warum eigentlich? Was geht es Apple an, wieviel der SPIEGEL von seinen Lesern für die Lektüre seiner Inhalte verlangt? Wer gibt der Firma das Recht, den Preis zu bestimmen?

Und jetzt höre ich mal auf damit, so zu tun, als wäre ich auf Seiten des Spiegels und vollziehe einen rasanten Wechsel im Tonfall, einfach weil ich nicht mehr kann: Ich wüsste gerne, ob die Spiegel-Redaktion wirklich so unfassbar selbstgerecht ist, und ob sie diese unerschütterliche Überzeugung von der eigenen Sonderrolle und der eigenen tragenden Bedeutung für den Fortbestand der Welt, wie wir sie kennen, ehrlich empfindet, oder ob es sich hier nur um einen Versuch handelt, die Leser zu verschaukeln.

Warum eigentlich? Wer gibt der Firma das Recht? Spiegel, geht’s noch? Weil ihr das so mit denen vereinbart habt! Der Vertrag, den ihr unterschrieben habt, gibt der Firma das Recht. Ihr erwartet doch nicht im Ernst, dass wir euch abkaufen, ihr wüsstet das nicht?

Natürlich nicht. Denn darum geht es euch nicht. Ihr wisst ganz genau, was in eurem Vertrag steht, und ihr wisst auch ganz genau, dass ihr den nicht kündigen werdet, weil ihr glaubt, auf Apple angewiesen zu sein. Euch geht es um was ganz anderes, und für die, die es nicht schon von Weitem kommen gesehen haben, geht die alte Leier dann schließlich auch explizit wieder los:

Medienhäuser produzieren nun mal keine Schrauben oder Angry-Birds-Fortsetzungen. Sie liefern Informationen, Zusammenhänge, Nachrichten.

Genau. Klar, ihr seht generell schon ein, dass jeder in seinem eigenen Laden entscheiden darf, welche Preise er für den Kram nimmt, den er verkauft. Ihr seht schon ein, dass Verträge generell bindend sein sollen, und dass man nun mal das Hausrecht anderer achten muss. Generell hier im Sinne von: für alle anderen. Nicht für euch. Ihr seid viel zu wichtig und eure Produkte viel zu kostbar, als dass ihr euch um solchen lästigen Kleinkram kümmern müsstet:

Sie sind ein relevanter Baustein jeder funktionierenden Demokratie.

Genau. Und was wäre denn das schon für eine funktionierende Demokratie, in der Medienhäuser sich an dieselben Regeln halten müssen wir alle anderen? Schließlich ist

ihr Grundkapital […] ihre Glaubwürdigkeit, die sich wiederum aus Unabhängigkeit speist. Auch der ökonomischen.

Genau. Auch der ökonomischen! Die ökonomische Unabhängigkeit ist ganz wichtig. Deshalb sind die Medienhäuser Deutschlands auch gerade nachdrücklich dabei, sich ökonomisch unabhängiger zu machen, indem sie sich durch das geplante Leistungsschutzrecht in eine Abhängigkeit von der Umverteilungsmaschinerie des Staates begeben. Ähm. Ach naja, wer wird da so kleinlich sein? Ökonomische Unabhängigkeit ist natürlich wichtig, aber was kann schon schief gehen, wenn die gesamte Medienlandschaft sich vom Staat abhängig macht? Was sollte der schon tun, um diese Abhängigkeit zu missbrauchen? Eben.

Wie? Was Unabhängigkeit jetzt damit zu tun hat, dass Apple nicht selbst entscheiden darf, zu welchem Preis sie ihre Apps verkaufen? Ja, dazu kommt der Spiegel jetzt. „Unabhängigkeit“ ist hier nämlich nicht im Sinne von „Unabhängigkeit“ gemeint, sondern im Sinne von „anderen vorschreiben dürfen, was sie zu tun haben“, oder wie der Spiegel es formuliert:

Auch der ökonomischen, den eigenen Preis in der gewünschten Höhe festzulegen – und nicht in von Apple vorgegebenen Schritten.

Als wäre der Spiegel irgendwie verpflichtet, sich von Apple vorgeben zu lassen, in welchen Schritten er seinen Preis festlegt. Ist er nämlich nicht. Es steht dem Spiegel völlig frei, seinen Preis festzulegen, wie immer er das gerne möchte. Das bezweifelt niemand. Auch der Spiegel weiß das eigentlich. Aber es gefällt dem Spiegel nicht, dass er mit den Konsequenzen leben muss, namentlich, dass dann manche Leute einfach keine Lust mehr haben, zu diesen Preisen Geschäfte mit ihm zu machen. Apple zum Beispiel.

 Der Fall zeigt noch einmal anschaulich, wie die dominierenden Anbieter im Onlinegeschäft heute ihre Marktmacht durchsetzen

Und das ist für den Spiegel natürlich nicht hinnehmbar. Wie kann es jemand wagen, die eigene Marktmacht gegen die Unabhängigkeit des Spiegels durchzusetzen, wo doch der Spiegel so gerne seine Macht gegen die Unabhängigkeit anderer durchsetzen würde? Frechheit.

Wie Apple, Google oder Facebook inzwischen mit einer an Größenwahn grenzenden Arroganz versuchen, die Rahmenbedingungen im Mediengeschäft zu bestimmen

ist dem Spiegel ein sehr schmerzhafter Dorn im Auge, weil es ihn davon abhält, mit einer an Größenwahn grenzenden Arroganz selbst die Rahmenbedingungen im Mediengeschäft zu bestimmen. Unverschämtheit!

Der Konflikt spitzte sich in jüngster Zeit zu: Weil Google etwa aktuell in Frankreich fürchten muss, dass es für die Anzeige von Nachrichten-Snippets Gebühren zahlen soll, droht es kurzerhand damit, man könne französische Medien ja auch einfach abknipsen.

Und das ist doch nun wirklich nicht zu fassen, oder? Bloß weil die Verlagshäuser in Ausübung ihrer ökonomischen Unabhängigkeit Google mithilfe der Staatsmacht zwingen wollen, etwas dafür zu bezahlen, wenn Google ihnen Kunden zuleitet, erdreistet Google sich, ihnen zu drohen, damit aufzuhören. Das wäre ja noch schöner, wenn Leute einfach aufhören dürften, eine Leistung für mich zu erbringen, bloß weil ich Geld dafür von ihnen verlange!

Und bevor ihr jetzt lacht und euch freut, dass nur die nörgeligen Totholz-Medien der Hybris von Google und Apple zum Opfer fallen: Es steht wie immer die Zukunft unserer ganzen Zivilisation auf dem Spiel, denn

Opfer sind nicht nur die Verlage. Opfer sind vor allem die Leser. Opfer ist jene Gesellschaft, auf deren Freiheit sich die Konzerne so gern berufen.

Und natürlich die Kinder. Und die Katzenbabys. Für jede nicht mit dem Spiegel abgesprochene Preiserhöhung im Apple-Store muss nämlich irgendwo ein niedliches kleines Katzenbaby sterben. Und das können wir doch nun wirklich nicht zulassen, oder?


Gute Bücher schlecht verkauft

8. August 2009

Über Verlage kann man sich ja gut mal aufregen. Ob sie nun merkwürdige Erklärungen veröffentlichen, in denen dann Halb- oder Unwahrheiten über Google drin stehen, ob sie einfach ihre Arbeit nicht machen oder komische Übersetzungen anfertigen lassen, man findet immer was. Mein heutiges Thema sind Buch-Cover, weil ich finde, dass das in der allgemeinen Verärgerung über Verlage zu kurz kommt.

Seht euch zum Einstieg vielleicht mal ein Extrem-Beispiel an, nämlich das Cover von A Small Percentage von Jim Cline:

A small percentage(Bild: amazon.de)

Was zur Hölle ist denn da passiert?

„Du, wir brauchen da noch ein Cover für dieses neue Buch, aber es darf nichts kosten.“
„Kein Problem, mein dreijähriger Sohn hat gerade ein paar Wachsmaler geschenkt bekommen.“

Oder so:
„Wir veröffentlichen da demnächst ein Buch von diesem Jim Cline, der in der Schule immer hinter mir saß und mich mit Papierkugeln beschoss. Hast du ’ne Idee, wie ich ihm das heimzahlen kann?“
„Ooohh ja!“

Kleiner Exkurs: Ihr werdet es mir sowieso nicht glauben, aber das Buch hat es nicht verdient. Ich habe es als Hörbuch gehört, und obwohl man hier und da merkt, dass der Autor noch ein bisschen üben müsste und dass die Sprecher keine besondere Freude an ihrer Arbeit haben, hat es mir insgesamt sehr gut gefallen und ich kann sagen, dass es eines meiner Lieblingsbücher aus dem Bereich Science Fiction ist. Ich habe schon viel Schlechteres von den großen Namen der Branche gelesen. Solltet ihr also Interesse an origineller Aliens-erobern-die-Erde-Literatur haben und außerdem entweder völlig schmerzbefreit sein oder über so einen undurchsichtigen Bucheinschlag verfügen, möchte ich euch „A Small Percentage“ dringend an’s Herz legen. Oder kauft es eben als Hörbuch, das macht am meisten Spaß.

Es gibt noch mehr Beispiele, obwohl dies das schlimmste ist, das mir gerade einfällt. Alternativ hätte ich aber auch noch:

Shadows Linger(auch.)

Das ist aus dem Zyklus „The Black Company“ von Glen Cook, ich habe hier einfach mal willkürlich einen von vielen Bänden ausgewählt. Fabelhafte Fantasy, die meiner Meinung nach viele bekanntere Werke ganz beiläufig in den Schatten stellt, und hier hatte offenbar inzwischen jemand ein Einsehen, denn es gibt die Bücher jetzt auch in schöner.

Von Orson Scott Card habe ich mal irgendwo die Bemerkung gelesen, wenn es in einem Buch eine Szene gebe, deren Illustration den Betrachter völlig verwirren, verschrecken und über den Inhalt der Handlung in die Irre führen würde, könne man sich ziemlich sicher sein, dass genau diese Szene für das Cover-Design ausgewählt würde. Ich könnte mir allerdings vorstellen, das Jim Cline und Glen Cook froh wären, wenn das alle wäre, worüber sie sich beklagen könnten.

Falls euch mein Hang zur Ausgewogenheit aufgefallen sein sollte, wundert ihr euch bestimmt nicht, dass ich freimütig einräume, dass es auch sehr gelungene Cover-Illustrationen gibt. Sowohl für uninteressante, ausgesprochen mittelmäßige Bücher (sehr empfindsame Personen und Kinder unter 12 Jahren klicken hier bitte nicht), als auch für große Meisterwerke:

Shadow&Claw(Auch wieder Amazon)

Geht doch.