Suizid aus Angst vor dem Tod

21. August 2016

Zu den kleinen Ärgernissen, die meinen Alltag begleiten, gehört es, regelmäßig  die Seite Zettels Raum als Referrer in meiner Blogstatistik zu sehen. Warum Ärgernis? Och naja. Zettels Raum ist so ein Blog, das in gewissen Kreisen als Oase der Vernunft gelobt wurde und in den früher von mir öfter mal frequentierten liberalen Blogs hohes Ansehen genoss. Ich konnte das nie richtig nachfühlen, denn mir war es erstens zu konservativ-überheblicher-alter-weißer-Mann, und zweitens, äh, ja. Ich verbinde also von vornherein nichts Gutes mit Zettels Raum und habe den Eindruck, dass es seit dem Tod des Begründers nicht unbedingt besser geworden ist. Trotzdem klicke ich manchmal auf den Referrer-Link, ihr kennt mich ja, und nun fand ich da doch tatsächlich einen Beitrag zu meinem aktuell liebsten Pet Peeve.

Nix wie ran also.

Auf seinem Facebook-Profil postete WELT-Autor Alan Posener kürzlich ein Bild von einer Frau in einem Ganzkörper-Schwimmanzug, das um 1900 aufgenommen sein mag, zusammen mit dem Kommentar „Am besten nachträglich verbieten, was Oma da getragen hat“.

Andreas Döding fährt nun fort, uns zu erklären, warum die beabsichtigte Parallele zum Burka-Verbot schief ist: Weil nämlich damals eine Frau, die ähnlich entkleidet schwimmen gegangen wäre, wie es heute üblich ist, sich Sanktionen ausgesetzt hätte.

wäre damals eine Frau bekleidet mit einem heutigen Bikini in einer öffentlichen Badeanstalt aufgetaucht, wäre sie zweifellos von der Sittenpolizei verhaftet worden.

Das Problem ist also:

Der anything-goes-Liberalismus, für den sich Posener immer wieder stark macht, hat eine zentrale Voraussetzung, nämlich daß er auf prinzipieller Gegenseitigkeit beruht.

Und da muss ich schon sagen, frage ich mich kurz, ob Herr Döding uns verschaukeln will. Weil…

NEIN! Nein, verdammt noch mal, hat er nicht. Also, oder genauer: Ich hab keine Ahnung, wofür Herr Posener sich stark macht, ich kenne ihn nicht, aber wenn ich Liberalismus ernst nehme, dann setze ich eben gerade NICHT (rpt. NICHT) Gegenseitigkeit voraus. Liberalismus heißt, eben NICHT diesem bescheuerten Argument zu folgen „Wenn man in Mekka keine Kirche bauen darf, warum soll man dann in München eine Moschee bauen dürfen?“, sondern darauf zu vertrauen, dass gelebte Freiheit nicht nur das angenehmere, sondern langfristig auch das erfolgreichere, das einzig nachhaltig funktionierende Modell einer kooperativen Gesellschaft ist. Gelebter Liberalismus heißt natürlich nicht, einfach buchstäblich alles hinzunehmen, auch klar, aber wenn ich diese Haltung nur gegenüber anderen Positionen einnehme, die der meinen prinzipiell entsprechen, dann gehört da nicht viel Liberalismus dazu. Hitler kam auch gut mit anderen Nazis klar, also, prinzipiell.

Daß also, um im Beispiel zu bleiben, die Trägerin eines Burkinis (und ihre männliche Begleitung) einer Bikiniträgerin mit der gleichen Toleranz und Offenheit begegnet wie das umgekehrt der Fall sein mag.

Nein, nein, nein! Ich kann gar nicht oft und deutlich genug betonen, wie weit daneben ich das finde. Meine Toleranz und Offenheit sollte NICHT davon abhängen, ob andere mir die gleiche entgegenbringen. Nur weil jemand mich für meine Kleidung verachtet, ist es nicht plötzlich okay, das dieser anderen Person gegenüber genauso zu machen. Eine liberale Haltung äußert sich NICHT (rpt. NICHT) darin, dass ich Offenheit mit Offenheit und Intoleranz mit Intoleranz begegne, sondern dass ich mich stets für eine offene, tolerante Haltung der Gesellschaft einsetze, und zwar unabhängig davon, ob die von der Mehrheit abweichende Meinung oder Verhaltensweise zu meiner passt, oder nicht. Bekannte Verfechter des Liberalismus sollen sich sogar zu der Ansicht haben hinreißen lassen, eine liberale Haltung zeige sich überhaupt erst wirklich gegenüber denen, die ich im Unrecht wähne. So wird beispielsweise Voltaire das geflügelte – und zugegebenermaßen etwas abgenutzte – Wort zugeschrieben „Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie nur sagen dürfen, solange sie auf Gegenseitigkeit beruht“, oder so ähnlich.

Das Konservative bedrängt und verdrängt auf lange Sicht das Liberale, wenn man es zuläßt.

Und spätestens jetzt wisst ihr, worauf ich mit dem Titel dieses Beitrags anspiele: Herr Döding fürchtet eine Gesellschaft, in der Leute nicht mehr anziehen dürfen, was sie wollen, und schlägt zur Vorbeugung vor, man möge doch den Leuten bestimmte Kleider verbieten.

Der Liberale zieht sich, wenn  ihm etwas unangenehm wird, tendenziell ins Private zurück, überläßt damit jedoch den Illiberalen das Feld. 

Nein, nein, nein! Hier hat Herr Döding noch mal explizit aufgeschrieben, wo er Liberalismus missverstanden hat: Liberalismus ist nicht Gleichgültigkeit. Ist nicht Rückzug und Akzeptanz insbesondere illiberaler Bedingungen in der Gesellschaft. Liberalismus ist das nachdrückliche Eintreten für eine liberale Gesellschaft, GERADE dann, wenn es unangenehm wird. Er zeichnet sich dabei dadurch aus, dass er dafür das mildest mögliche Mittel bevorzugt, also in der Regel gute Argumente, Vorbilder, gutes Beispiel und einfach den Erfolg und Wohlstand, den freie Gesellschaften erfahrungsgemäß erzeugen. Aber er schreckt auch vor der Konfrontation nicht zurück, wenn sie nötig wird, um die Freiheit zu schützen.

Konkreter: Nach meinem Verständnis darf eine liberal eingestellte Person eine Burka kritisieren, insbesondere wenn sie aus schlechten Gründen getragen wird, wie religiöse Vorschriften sie nun einmal darstellen. Dennoch wird sie aber die Burkaträgerin verteidigen, wenn jemand ihr ihre bevorzugte Kleidung gewaltsam streitig zu machen versucht, genauso wie sie einen Bikiniträger verteidigen wird, wenn er wegen seiner freizügigeren Garderobe Schutz vor anderen braucht.

Kann man gesellschaftlichen Liberalismus „verordnen“, indem man Verbote, etwa von Burkinis, erläßt? Nein, verordnen kann man ihn so nicht, aber man kann ihn, vermutlich nur auf diese Weise, schützen.

Und jetzt, wo ich noch mal drüber nachdenke, bin ich wirklich nicht mehr sicher, ob das ernst gemeint sein kann. Gesellschaftlicher Liberalismus lässt sich vermutlich nur schützen, indem wir Leute bestrafen, die sich nicht liberal genug kleiden.

Wow.

Gott, wäre das peinlich, wenn Herr Döding nur einen satirischen Beitrag geschrieben hätte und ich ihm auf den Leim gegangen wäre. Ich müsste mich so schämen.

Aber ich wäre andererseits so maßlos erleichtert.

[Nachtrag: Schau an. Die Oase der Vernunft hat zwar offenbar keine Lust, sich mit mir auseinanderzusetzen, hat mich aber inzwischen aus ihrer Blogroll entfernt, wenn ich das richtig sehe. Joa. Na gut. Ein Ärgernis weniger.]


Berthold Kohler hat es nicht verstanden

20. August 2016

und ich hatte ja gesagt, wir machen das dann so lange noch weiter. Und Jungejunge, es kommt mir prinzipiell auch wirklich nötig vor. Was zurzeit an Meinung für veröffentlichungstauglich gehalten wird, gruselt mich, und ich muss mich bewusst dran erinnern, dass das nicht zwingend ein Trend sein muss, und dass schon immer viel Quatsch durch die öffentliche Debatte kroch, aber ein bisschen besorgt darf man doch wohl sein, wenn Leute sich nicht schämen, so was zu schreiben, und die faz sich nicht schämt, sowas zu drucken:

Gerade wegen der Symbolträchtigkeit der Burka muss der Staat gegen sie vorgehen, bis an die Grenzen des vom Grundgesetz Erlaubten.

Schon diese Formulierung lässt nichts Gutes über die Gesinnung des Verfassers ahnen. Wir hören und lesen die in verschiedenen Varianten zurzeit oft, wenn Herr de Maiziére zum Beispiel meint, ein komplettes Verhüllungsverbot sei nicht ratsam, weil das BVerfG es nicht akzeptieren würde.

Was ich damit meine? Naja. Innenminister und Bundestagsabgeordnete sind Leute, die in diesem Land dafür da sind, Gesetze zu machen und auszuführen und ihre Einhaltung zu überwachen und die letzten Endes die ganze Staatsmacht in der Hand halten. Und Berthold Kohler ist immerhin ein Herausgeber einer der größten und national wie international angesehensten deutschen Tageszeitungen. Wenn solche Leute so klar zu erkennen geben, dass sie Grundrechte nicht ihrem Wesensgehalt nach verstehen und akzeptieren, sondern nur als lästige Einschränkungen ihres Handlungsspielraums verstehen, die man so weit wie irgend möglich ausschöpfen und umgehen sollte, dann ist das ein Problem, oder findet ihr nicht?

Und auch ein Problem sind natürlich die abenteuerlich irrationalen Verrenkungen, die die Befürworter eines Verschleierungsverbotes in ihrer Argumentation anstellen. Ich muss zwar zugeben, dass ich mir gar nicht sicher bin, ob ich es nicht vielleicht doch ein bisschen vorziehe, dass sie es noch für nötig halten, ihren xenophoben Mist zumindest noch ein bisschen schamhaft zu, hihi, verhüllen und hinter albernen Scheingründen zu verstecken, aber peinlich ist es andererseits doch.

Die Erregung über den Schleier selbst wird verstärkt durch eine abermals als Zurückweichen wahrgenommene Reaktion in der Politik, die sich häufig so präsentiert: Persönlich bin ich natürlich gegen die Ganzkörperverhüllung – aber machen kann man dagegen nichts.

Noch so ein Zeichen einer besorgniserregenden Geisteshaltung: Man kann nichts dagegen machen, wenn man es nicht verbieten kann. Das sind die zwei Alternativen, die Herr Kohler kennt: Entweder, man kann Leute bestrafen, wenn sie eine Sache tun, die einem nicht gefällt, oder man kann nichts dagegen machen. Dazwischen gibts nichts.

Und wenn nationalistische Populisten versuchen, ihre Anhänger davon zu überzeugen, dass die Stärke einer Gesellschaft sich darin zeigt, dass sie allen, die sich nicht an ihre Gepflogenheiten halten, auch mal richtig einen in die Fresse gibt, dann ist die Antwort der faz nicht etwa, zu erklären, was der Sinn hinter Freiheitsgrundrechten ist und dass die AfD und Pegida und all ihre großen und kleinen Freunde lügen und Panik verbreiten und Hysterie zu sähen versuchen, wo wir Besonnenheit und Vernunft bräuchten, sondern dann ist die Antwort die Forderung nach einem Exempel. Man könnte enttäuscht sein, wenn man Erwartungen gehabt hätte.

Die Burka wird damit zum neuen Symbol für einen schon an seinen Grenzen allzu offenen und machtlos erscheinenden Staat, dessen Repräsentanten den Bürgern predigen, der Einzug von Migranten (mit mitunter befremdlichen Sitten) müsse in einer liberalen Gesellschaft eben hingenommen werden als der Preis der ansonsten segensreichen Globalisierung.

Bevor ihr fragt oder am Ende noch den Link klicken müsst: Nein, das ist alles noch Herr Kohlers Text in der faz. Ich bin nicht versehentlich in den Tab mit der Pegida-Page gerutscht. Das ist die Perspektive eines der Herausgeber der faz. Dass Nichtdeutsche dieses Land betreten und sich hier anders verhalten als die Ureinwohner, ist der „Preis“ der Globalisierung; ist also ein reiner Nachteil, ein Schaden für dieses Land. Ja, ich weiß, er verkauft das nicht als eigene Meinung, sondern als was die Repräsentanten des Staates den Bürgern „predigen“, aber ich muss ja nicht jeden noch so platten Kniff mitmachen, mit dem Leute ihre xenophobe und rassistische Haltung zu externalisieren versuchen.

Doch immer weniger Deutsche sind bereit, diese Behauptung zu akzeptieren.

Und ich würde mich zu ihnen zählen. Aber so meint er das natürlich nicht.

Wenn, was alle beteuern, Integration das Gebot des Jahrhunderts zur Bewältigung der größten Herausforderung seit der Wiedervereinigung ist, die Vollverschleierung aber hinderlich für die Integration (Merkel), dann muss der Staat gerade bei einem symbolträchtigen Thema wie der Burka bis an die Grenzen dessen gehen, was das Grundgesetz erlaubt.

Genau. Weil der Staat natürlich bei allem, was hinderlich für die Integration ist, bis an die Grenzen gehen muss, zumindest, nachdem Leute wie Herr Kohler und die AfD und die CDU/CSU es mühsam zu „einem symbolträchtigen Thema“ hochgeschrieben haben. Und wo liegen diese Grenzen? fragt ihr euch jetzt vielleicht. Keine Angst, Herr Kohler hat eine Antwort, auch wenn er sie, wer weiß warum, nicht ganz direkt aussprechen mag:

„Eine Funktion“ hat das Zeigen des Gesichts in westlichen Gesellschaften freilich nicht nur vor Gericht, in der Schule und in der Radarfalle. In Frankreich gilt daher ein allgemeines Verschleierungsverbot.

Welche Funktion das ist, und ob alles, was eine Funktion hat, auch gleich unter Strafe erzwungen werden muss, verrät er uns nicht. Dafür hat er aber zum Schluss noch eine andere voll gute Idee, die er mit uns teilen wollte, denn mal ehrlich, was ist schon ein Verschleierungsverbot bei einem so symbolträchtigen Thema? Mit Spatzen auf Kanonen geschossen wäre das. Herr Kohler hat größere Geschütze im Angebot:

Doch kann man mit Bußgeldern der Burka Herr werden? Ganz sicher vor ihr und der Geisteshaltung, für die sie steht, ist man nur, wenn man sie nicht ins Land lässt.

Dazu fällt mir nichts mehr ein, womit ich mir nicht selbst ein Bußgeld einhandeln könnte. Deshalb möchte ich schweigen.

Und ihr so?


Wir machen das so lange, bis es alle verstanden haben

12. August 2016

Ich weiß, ich hab schon öfter über das Verbot der Verschleierung geschrieben. Aber solange die Süddeutsche Zeitung noch an prominenter Stelle bizarr dumme Artikel zu dem Thema veröffentlicht, ist meine Aufgabe offensichtlich nicht getan. Ans Werk also.

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