Neues Jahr, neues Thema

1. Januar 2012

Vergesst Umgangsformen, vergesst Religion, vergesst kontroverse Diskussionen, ab heute geht es bei überschaubare Relevanz nur noch um Waffenrecht.

Ähm.

Oder zumindest in diesem Post. Der relativ kurz ist. Aber jedenfalls vergesst diesen ganzen alten Kram jetzt erst mal, der ist total 2011.

Ähm.

So wie der NYT-Artikel, auf den dieser Post sich bezieht. Und zu dem ich jetzt vielleicht langsam auch mal kommen sollte. Also los:

In der New York Times stand also dieser Artikel über Waffenrecht, insbesondere das Recht, verborgene Schusswaffen zu tragen, das in den USA gerade ausgeweitet wird. Und darin steht:

In state after state, guns are being allowed in places once off-limits, like bars, college campuses and houses of worship. And gun rights advocates are seeking to expand the map still further, pushing federal legislation that would require states to honor other states’ concealed weapons permits.

Und die New York Times findet das offenbar doof.

Gun rights advocates invariably point to the work of John R. Lott, an economist who concluded in the late 1990s that the laws had substantially reduced violent crime. Subsequent studies, however, have found serious flaws in his data and methodology.

Das kann ja leicht mal passieren, und gerade wenn die Studie etwas älter ist, mag sich auch einfach der Wissensstand verändert haben. Intuitiv leuchtet mir jedenfalls ein, dass mehr Waffen erst einmal mehr Gefahr bedeuten, und gefühlsmäßig wäre ich wohl auch dafür, dass nur Fachleute Schusswaffen tragen, weil ich ein paar Leute kenne, die sonst bestimmt welche hätten. Wie sieht’s also aus mit den neuen Daten?

A few independent researchers using different data have come to similar conclusions, but many other studies have found no net effect of concealed carry laws or have come to the opposite conclusion. Most notably, Ian Ayres and John J. Donohue, economists and law professors, concluded that the best available data and modeling showed that permissive right-to-carry laws, at a minimum, increased aggravated assaults. Their data also showed that robberies and homicides went up, but the findings were not statistically significant.

In the end, most researchers say the scattershot results are not unexpected, because the laws, in all likelihood, have not significantly increased the number of people carrying concealed weapons among those most likely to commit crimes or to be victimized.

Ähm. Moment. Wie jetzt…? Wo in diesen zwei Absätzen, denen ich im Wesentlichen entnehme, dass es nach derzeitigem Erkenntnisstand keinen Unterschied macht, ob das Waffenrecht liberalisiert wird oder nicht, finde ich denn nun die Rechtfertigung für das Ergebnis, das ich gemeinsam mit der NYT so gerne gehabt hätte?

Ich gestehe ein, dass ich die einzelnen Studien nicht nachgelesen habe. Aber ich gehe mal vorsichtig davon aus, dass die NYT es deutlich geschrieben hätte, wenn die Ergebnisse ihren Standpunkt klar stützen würden. Tun sie aber nicht. Und, ob es mir nun passt oder nicht, wenn es keinen rationalen Grund gibt, etwas zu verbieten, dann hat es erlaubt zu sein. Ich bin dann jetzt also erst einmal für das Recht, auch verborgene Waffen zu tragen. Und die New York Times?

Gun advocates are quick to cite anecdotes of permit holders who stopped crimes with their guns.

Stimmt. Und wir alle wissen, dass Anekdoten gar nichts beweisen, deshalb… beginnt dieser NYT-Artikel auch gleich mit einer Anekdote, die demonstrieren soll, wie gefährlich das liberalere Waffenrecht aus Sicht der Zeitung ist:

Alan Simons was enjoying a Sunday morning bicycle ride with his family in Asheville, N.C., two years ago when a man in a sport utility vehicle suddenly pulled alongside him and started berating him for riding on the highway. Mr. Simons, his 4-year-old son strapped in behind him, slowed to a halt. The driver, Charles Diez, an Asheville firefighter, stopped as well. When Mr. Simons walked over, he found himself staring down the barrel of a gun.

Und das letzte Drittel besteht eigentlich auch ausschließlich aus solchen Anekdoten. Und dann ist da noch so eine Art Untersuchung, die die Zeitung durchgeführt hat, und von der sie selbst schreibt:

while it does not provide answers, it does raise questions.

Und das ist sehr schön und anständig, dass sie das auch so offen schreiben, aber es bleibt doch ein eher unerfreulicher Gesamteindruck: Wenn ich nicht mehr kann, als Fragen aufzuwerfen, dann sollte ich vielleicht nicht fordern, dass die Freiheit anderer Menschen eingeschränkt wird, weil mir bestimmte Dinge nicht passen. Und wenn ich anderen vorwerfe, mit Anekdoten zu arbeiten, dann (und nicht nur dann) sollte ich vielleicht selbst echte Argumente benutzen.

Und darum geht es mir vorrangig. Ich will inhaltlich diesen Artikel gar nicht überbewerten. Er sagt nichts über den Unterschied zwischen einem (relativ) strikten Waffenrecht wie hier in Deutschland und einem (relativ) liberalen wie in den USA aus, sondern bestenfalls etwas über den Unterschied zwischen zwei Varianten eines eher liberalen Waffenrechts.

Aber er sagt etwas darüber aus, wie die New York Times, meines Wissens immer noch eine der bestangesehenen Zeitungen dieser Welt, meint, die Frage beurteilen zu dürfen, ob wir anderen Leuten etwas verbieten dürfen. Und zwar etwas eher Unschönes, wenn ihr mich fragt.