Klassenfeindclown

13. April 2014

Die Zeit der Familienfernsehabende ist vorbei. Und die Zeit der harmlosen Wetten auch. Gewettet wird heute nicht im Fernsehstudio auf kleine Kunststücke, sondern an den Finanzmärkten auf den Kollaps von Staaten. Topp, die Wette gilt!

schreibt Michael Hanfeld in der FAZ [via Altpapier, denn freiwillige lese ich Hanfelds Kram nicht], und ich fand diese Idee gleich auf Anhieb so charmant, dass ich gerne eine entsprechende Show für euch pitchen möchte. Ein angemessener Sendeplatz wird ja demnächst frei, wenn ich alles richtig verstehe. Ob die Sendung dann tatsächlich unter dem obigen Arbeitstitel erscheint, oder unter einem ZDF-zielgruppentauglicheren wie „Spekulieren, dass..?“ oder ganz kuschelig „Unser Ulli“, würde ich den verantwortlichen Gremienkonferenzvorsitzendenkonferenzvorsitzendenassistentenstelldicheinschriftführern überlassen, oder gerne auch jemand anderem, falls die Gremienkonferenzvorsitzendenkonferenzvorsitzendenassistentenstelldicheinschriftführer dafür gar nicht zuständig sein sollten.

Zur Sache:

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nihil nisi bono

14. Februar 2011

Man könnte meinen, Thomas Gottschalk wäre gestorben, wenn man die Lobeshymnen liest, die derzeit über ihn aus dem Boden schießen wie strategische Nuklearwaffen am Judgement Day. Man könnte außerdem den Eindruck gewinnen, wir hätten mit ihm einen großen Entertainer verloren.

Aber nur, wenn man nicht zu gründlich darüber nachdenkt.

Wofür wird Gottschalk denn gelobt? Für die hohen Einschaltquoten bei „Wetten, dass“,  und dafür, dass er ein netter Kerl ist und kein Dieter Bohlen, weil er sich „mit zwei Jugendlichen [abgegeben hat], die ein dreihundert Seiten langes Buch derart genau gelesen haben, dass sie einzelne Sätze der entsprechenden Seite zuordnen können„. Ja, Donnerwetter, das verdient natürlich Anerkennung, dass er den beiden Jugendlichen nicht einfach ins Gesicht gespuckt hat, als sie auf seine Bühne kamen.

Gottschalk wird zum Gegenspieler der niederträchtigen Unterhaltung auf Kosten anderer aufgebaut, weil er „Unterhaltung mit allen und für alle“ macht. Er ist „ein Star, aber einer ohne Allüren, ein Profi, fleißig, hartnäckig und witzig, er ist schlagfertig, seine Kalauer verraten Hintersinn und Bildung, seine Sendung am Samstag hatte Überlänge und war doch kurzweilig„, kurzum „ein verdienter Fernsehmacher“ und „der letzte große Entertainer für die ganze Familie„. Wer sein Konzept für antiquiert halten wollte, müsste nicht weniger als „sein Menschenbild für die Dauer der Sendezeit […] suspendieren„. Wait, what?

Was daran wahr ist, ist trivial. Gottschalk hat sich eben nicht wie ein Arsch aufgeführt. Er ist ein netter Kerl, der niemandem weh getan hat. Das spricht für ihn, aber ich kenne eine ganze Menge Leute, die mindestens genau so nett sind, und dabei wesentlich interessanter und lustiger, für erheblich weniger Geld.

Und was an den Behauptungen über ihn wirklich eindrucksvoll wäre, ist mindestens übertrieben, um nicht zu sagen: frei erfunden. Unterhaltung im Fernsehen wäre „ohne Thomas Gottschalk schwer vorstellbar„? Ich bitte Sie, Herr Hanfeld, sehen Sie gelegentlich noch andere Sendungen als „Wetten, dass“?

Natürlich ist das Geschmackssache. Wenn man Gottschalk mag, wird man Spaß an seinen Sendungen haben, und ich mag ihn eben nicht. Er hat offenbar viele Menschen über lange Zeit gut unterhalten, und ich will das niemandem schlecht reden, auch wenn es mir unverständlich bleibt.

Aber wer ihn jetzt zur Ikone des feinsinnigen Humors, des Anstands im Fernsehen, der subtilen Unterhaltung und des ganz großen Showgeschäfts aufbauen will, der hat doch ein bisschen die Maßstäbe aus den Augen verloren.