Widdershins (3)

10. Februar 2010

Ich habe in der letzten Nacht nicht sehr gut geschlafen, da eine Horde der in dieser Gegend sehr zahlreich auftretenden Sandaale sich auch von mehreren gezielt geworfenen Pantoffeln, die ich vorsorglich mit auf die Reise genommen hatte, nicht davon abhalten ließ, eine mir bisher unbekannte Operette leidenschaftlich und nicht ohne Originalität, aber letztendlich doch sehr laienhaft, in Szene zu setzen. Diese einzigartige Erfahrung ist zwar durchaus geeignet, mich über die verlorene Ruhezeit hinweg zu trösten, das ändert aber nichts daran, dass ich unausgeschlafen und übellaunig bin und mein Tagespensum nicht ganz erreichen konnte. Zu allem Übel wurde mir auch noch über Nacht – wahrscheinlich von einem verzweifelten, orientierungslosen Uhrmacher, den nicht wie mich die Freude am Fremden immer wieder in diese Einöde führt – mein Wecker gestohlen. Ich vergebe ihm; sicher braucht er ihn nötiger als ich.

Glückliche Wendung fürwahr, dass just zur rechten Zeit ein Dynamitotter einen zum Scheitern verurteilten Jagdversuch unternahm, glücklicherweise in sicherer Entfernung. Diese possierlichen Tierchen halten sich üblicherweise in der Nähe von Flüssen oder Seen auf. Sie ernähren sich von Fischen, die, durch die von ihnen verursachte plötzliche Druckveränderung betäubt oder gar getötet, an die Oberfläche treiben. Was eine so hydrophile Kreatur in eine daueraride Wüstenei führt, ist mir ein Rätsel, doch die Wege unseres Herrn sind oft unergründlich und immer wunderbar.

Immerhin hat mich der freundliche IPS-Kurier gestern versehentlich an der falschen Düne abgesetzt (Es kann auch die richtige gewesen sein, die aber während meiner Abwesenheit weiter gewandert ist; ich kann mir Gesichter nicht gut merken.), weshalb ich möglicherweise trotz allem bereits morgen den Ozean erreichen könnte, falls ich gut vorankommen. Ob ich ihm wohl einen Namen geben darf? Ich glaube, er hat noch keinen.

Weil ich auch heute wieder keinen Schattenwirt entdecken konnte und unter keinen Umständen bereit war, noch einmal eine wandelnde Dattelpalme anzulocken, schreibe ich diesen Bericht in einer selbstgegrabenen Höhle. Es war recht mühsam, sie mit bloßen Händen auszuheben, aber sie spendet mir die tröstliche Gewissheit, die Grubenlampen, hölzernen Stützbalken und Verschalbretter nicht vergebens mitgenommen zu haben. Bevor ich nun endlich zu Bett gehe, werde ich vielleicht noch einige Partien Schach gegen ein Schlargpapittl spielen. Sie mogeln und geben vor, die Regeln nicht zu kennen, aber wenn man sie gewinnen lässt, führen sie einen musikalisch untermalten Siegestanz von hypnotischer Schönheit auf. Leider versuchen sie manchmal, dazu zu singen, und zerstören so einen Großteil der Wirkung.

 Wenn alles nach Plan läuft, muss ich morgen, bevor ich den Ozean erreiche, noch das Tal der (trotz ihres appetitlichen Aussehens leider ungenießbaren) Kekspilze durchqueren. Das ist nicht ungefährlich, aber möglicherweise eine einzigartige Chance, da in diesem Tal die Fluxkompensatortapire wohnen. Ihr habt wahrscheinlich noch nie von dieser Rasse gehört. Fluxkompensatortapire gibt es auch in unserem Teil der Welt, aber ihr Gebrauch ist dort einigen wenigen streng geheimen Regierungsorganisationen vorbehalten.

 Ihr könnt euch also vorstellen, wie aufregend es für mich wäre, eine solche Kreatur hier in Freiheit in ihrer natürlichen Umgebung zu entdecken. Ich bin schon gespannt, ob ich wohl herausfinde, wie diese putzigen kleinen Nager (Sie ähneln einem gewöhnlichen Tapir nicht im Geringsten!) funktionieren. Vielleicht kann ich euch schon in meinem nächsten Bericht von meinen ersten unbeholfenen Versuchen erzählen.


Widdershins (2)

11. Januar 2010

Ich habe euch noch gar nicht erzählt, wie mein Abenteuer in Widdershins weitergegangen ist.

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Ihr werdet euch erinnern, dass ich im Schatten einer wandelnden Dattelpalme saß und ihr WLAN nutzte, um euch zu schreiben. Eigentlich wollte ich danach gleich weiter, doch eine amüsante kleine Entdeckung fing meinen Blick, während ich mir mittels einer Hand voll Sand und eines zutraulichen Chababasbandolos die Zähne putzte (ein mühseliger und nicht gänzlich appetitlicher Vorgang, dessen Einzelheiten ich euch gerne ersparen möchte), und machte es mir unmöglich, mich einfach von dem Schauspiel abzuwenden, das sich mir darbot.

Der herrlich zuckerige Duft der Datteln, die über mir im Wüstenwind schaukelten, hatte eine Gruppe hungriger Tennisspieler angelockt. Ich war mit diesen faszinierenden Kreaturen nicht ausreichend vertraut, um von meiner Position aus ihre jeweiligen Plätze in der ATP-Weltrangliste erkennen zu können, aber es handelte sich offensichtlich ausschließlich um ausgewachsene Exemplare, die allesamt einen äußerst gesunden und kräftigen Eindruck machten.

Sie hatten sich instinktiv in Zweiergruppen aufgeteilt und schlugen sich gegenseitig unter wildem Gekeuche kleine gelbe Dodekahedrons zu, (Natürlich gibt es in dieser Einöde keine regelkonformen Tennisbälle.) während sie sich allmählich auf spiralförmiger Bahn der wandelnden Palme näherten.

Obwohl es sich um eine beachtliche Gruppe mit fast 20 Mitgliedern handelte, war nirgends ein Schiedsrichter zu sehen. Dieser Zustand konnte nicht lange andauern, doch leider hatte ich nicht die Chance, zu beobachten, wie einer von ihnen auf den blechernen Hochstuhl kletterte, der langsam und ein wenig schüchtern der Gruppe folgte, denn die Tennisspieler hatten mit ihrem Lärm einen anderen Bewohner dieser scheinbar so lebensfeindlichen Wüste angelockt, der sie zwar unter gewöhnlichen Umständen nicht anfallen würde, vor dem sie aber dennoch eine durchaus verständliche Furcht empfanden.

Das unverwechselbare Rascheln viel zu großer Cordhosen kündigte die Ankunft eines Postillonkäfers (Die Namensähnlichkeit ist wirklich reiner Zufall) an, so dass ich gezwungen war, eilends aufzuspringen, um diese Chance zu nutzen.

Sicher habt ihr euch schon gefragt, wie es mir gelingt, zwischen meinem jeweiligen Aufenthaltsort in der Zivilisation und Widdershins zu wechseln. Dass das möglich ist, könnt ihr ja an meinen Einträgen seit dem letzten Widdershins-Artikel erkennen. Nun, das ist einerseits vielleicht einfacher, andererseits möglicherweise auch abenteuerlicher, als ihr es euch vorstellt. Es geht so:

Wann immer ich aus terminlichen oder sonstigen Gründen die Kerpee-Wüste verlassen muss, blase ich meine Wangen auf und imitiere durch schlagartiges Öffnen meines Mundes das Geräusch eines Tennisaufschlags. Diesen Prozess wiederhole ich so oft wie nötig, um einen in der Nähe herumhüpfenden Postillonkäfer auf mich aufmerksam zu machen. Sobald mir dieser durch sein memmenhaftes Gestöhne und Gejammer über die trockene Hitze sein Nahen anzeigt, öffne ich den großen Karton, den ich zu genau diesem Zweck stets bei mir führe. Ich entnehme ihm den Adressaufkleber, fülle diesen entsprechend meiner jeweiligen Destination aus und klebe ihn auf den Karton. Den zugehörigen Retourenaufkleber und das Einlieferungsformular verwahre ich sehr sorgsam. Wie ihr sicher schon ahnt, benötige ich sie für die Rückreise.

Nachdem ich anschließend ein Malefiz-Spiel meinem Gepäck entnommen und einsatzbereit positioniert habe, folgt der schwierigste Teil des Unterfangens. Wenn der Postillonkäfer in angemessene Nähe gehüpft ist, muss ich schnell das Malefiz-Spiel in die geräumige Tasche seines Lodenmantels schieben, um ihm derart anzuzeigen, dass er das vor ihm liegende Paket annehmen und ausliefern soll.

Bevor das Botentierchen den Karton aufgehoben und unter seinen Arm geklemmt hat, muss ich mich freilich noch flugs hinein begeben und ihn gründlich zukleben. Ich bin selbst immer ganz beeindruckt, dass ich das so schnell hinbekomme.

In Deutschland angekommen, öffne ich behutsam das Paket und steige aus, um meine hiesigen Pflichten zu erledigen. Nachdem ich ein neues Malefiz erworben habe, begebe ich mich zu einer kleinen Postfiliale, um die Rückkehr anzutreten. Dafür muss ich nur noch den Retourenaufkleber anbringen, das Paket verschließen, einsteigen und es am Schalter aufgeben, ohne zu vergessen, mir das Einlieferungsformular abstempeln zu lassen; nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge.


Widdershins

23. Dezember 2009

Also, Keoni meint ja, dass jetzt über die Feiertage keiner mehr Zeit hat, Blogs zu lesen und hier deshalb nix los sein wird. Wollen wir doch mal sehen.

Es ist noch gar nicht lange her, dass ich es angekündigt habe, und schon jetzt hat mich die Geduld verlassen – ich will das jetzt ausprobieren: Dieser Beitrag läuft verkehrt herum. Erst schreibt ihr Kommentare, und danach erscheint ein Artikel, der mehr oder weniger dazu passt. Und wenn es gut klappt, machen wir das in Zukunft nur noch so.

Ich glaube, ich hatte schon mal von der transdimensionalen Teleportermaschine in meinem Keller erzählt, oder? Gut. Dann muss ich nämlich nicht noch mal diese endlose Geschichte erzählen, wie es dazu gekommen ist und wie das Ding funktioniert, sondern kann gleich zur Sache kommen. Mir ist damit nämlich ein kleines Missgeschick widerfahren:

Eigentlich benutze ich das Ding ja nie, weil man nie weiß, was man kriegt. Meine Mama sagt auch immer, die transdimensionale Teleportermaschine in unserem Keller sei wie eine Schachtel Pralinen, aber ich habe keine Ahnung, wovon sie da redet. Jedenfalls wollte ich die Maschine gar nicht benutzen, sondern sie nur mal wieder ein bisschen abstauben, sie wird sonst mit der Zeit so unansehnlich. Dabei muss ich irgendwie versehentlich an den Schalter gekommen sein, denn ich fand mich unvermittelt an einem fremden Ort wieder, von dem ich auf Anhieb sicher war, dass es nicht unser Keller sein konnte. Unser Keller ist nämlich keine gewaltige Wüste aus herrlich strandigem weißem Sand, die sich gleichmäßig in alle Richtungen ausbreitet.

Da die Maschine selbst natürlich stets im Keller verbleibt und nur der Reisende transdimensional teleportiert wird, stand ich nun ziemlich dumm da, denn mir war der Rückweg abgeschnitten, zumindest, bis jemand aus meiner Familie mein Fehlen bemerkte.

Wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt, gehört Schatten – neben dem unschätzbaren Wasserkonzentrat, das ich aus Sicherheitsgründen immer in einem paar alter Gummistiefel bei mir trage – zu den kostbarsten Dingen, über die man in der Wüste verfügen kann. Nicht, dass irgendjemand über Schatten verfügen könnte, aber ihr versteht sicherlich, was ich meine.

Ich war deshalb sehr betrübt, als ich auch zur Zeit meiner Mittagsrast noch immer keine Quelle erfrischender Dunkelheit finden konnte. Zwar hatte ich das Interesse eines kleinen Schwarms gelber Lilien geweckt, aber die blöden Dinger spendeten nicht mal genug Schatten für einen kachexischen Schlumpf, sodass ich sie ärgerlich verscheuchte, sobald sie näher an mich herankamen. Es bereitete mir durchaus ein schlechtes Gewissen, als einige von ihnen, in blinder Panik davonstiebend, von einem der gefürchteten Rückwärtsradfahrer dieser Wüste erfasst und in seinen Speichen zerkleinert wurden.

Anhand dieses Radfahrers konnte ich sofort erkennen, wo ich mich befand. Die Wüste musste in einer Welt liegen, die ich vor einiger Zeit bereits besucht und Widdershins getauft hatte, da die Zeiger meiner Uhr hier verkehrt herum liefen.

Als ich die Herde Giraffen bemerkte, die, in einen völlig enthemmten Blutrausch verfallen, hinter ihm her raste, vergaß ich meine Schuldgefühle und ergriff selbst das Hasenpanier. Von meiner kopflosen Flucht abgelenkt, verloren die Giraffen die Fährte des Fahrers und mussten für diesen Tag hungern.

Nachdem ich ein sicheres Versteck gefunden hatte und mir sicher war, dass die Giraffen sich ein anderes Opfer gesucht hatten, kostete es mich beinahe 20 Minuten, viel Geduld und einen großen Teil meines Stolzes, eine der wandelnden Dattelpalmen anzulocken. Sie sind für gewöhnlich eher scheu, werden aber durch einen kunstvoll ausgeführten Ententanz unwiderstehlich angezogen, wenn der Ententänzer in möglichst falschen Tönen eine bekannte Opernarie singt, Schlaghosen trägt und umgehend nach seiner Rückkehr in die Zivilisation ein Album der Gruppe „US 5“ erwirbt. Selbst jetzt, da ich mich unter den schützenden breiten Blättern der Palme von dem unbarmherzigen Brennen der Wüstensonne erholen kann, bin ich nicht sicher, ob es das wert war. Andererseits hat die Palme immerhin einen WLAN-Hotspot, sodass sich mir durch sie die Chance bietet, euch diese sonderbare kleine Geschichte zu erzählen.

Sobald ich das nächste Mal in meiner ziellosen Wanderung durch die Wüste eine Gelegenheit finde, werde ich euch über den Fortgang meiner Abenteuer berichten. Bis dahin wünsche ich euch geruhsame Feiertage und viel Spaß mit dem herrlich kühlen Wetter, um das ich euch von Herzen beneide.