Papst-Ökonomie

13. Juli 2009

In der FAZ steht ein Interview mit einem Wirtschaftsethiker. Der heißt Professor Peter Ulrich und findet die Ideen des Papstes zur neuen Wirtschaftsordnung offenbar richtig gut. Kurz zusammengefasst ist der Heilige Vater für mehr Ethik, weniger Spekulation und eine „echte politische Weltautorität“, die die Weltwirtschaft steuert. Nun kann man gegen Ethik nicht viel sagen, und Spekulation kann naturgemäß auch wirklich schädlich sein, aber trotzdem werde ich bei solchen Sprüchen immer ein bisschen kribbelig, insbesondere bei Autoritäten, die irgendwas weltweit steuern sollen. Papst-Bashing ist mir zu billig, ich klaue ja auch keine Lutscher von Babys, aber zu den Äußerungen von Herrn Professor Ulrich möchte ich ein bisschen was sagen.

Nun ist das gar nicht so einfach, denn in dem Interview findet sich nicht viel kommentierbarer Inhalt. Der größte Teil besteht aus solchem Gerede wie

„Gewinnmaximierung heißt ja, dass ich alle damit konfligierenden Wertgesichtspunkte dieser einen Dimension unterordne, ohne Rücksicht auf die Folgen für die betroffenen Menschen.“

oder

„An die Spitze einflussreicher Unternehmen gehören Leute, die glaubwürdig sind, weil sie integer sind und ihr Wirtschaftsdenken nicht von ihrem Selbstverständnis als anständige Bürger abspalten.“

Man kann dem schwer widersprechen, aber man kann dem meiner Meinung nach auch keinen ernsthaften handhabbaren Vorschlag zu einer Verbesserung unseres Wirtschaftssystems entnehmen. „Es gibt eine Alternative zur Gewinnmaximierung“, steht über dem Interview, aber drin steht nur romantisches Geschwurbel, das jeder gute Politiklehrer in den Arbeiten seiner Schüler ganz dunkelrot markieren müsste. Zum Beispiel:

„Eine faire, ausgewogene Wirtschaftsweise würde immer damit beginnen zu fragen, welche legitimen Ansprüche von wirtschaftlichem Handeln betroffen sind.“

Aha. Ja. Ok. Und jetzt?

„Unser Ziel sollte eine Gesellschaft sein, in der möglichst alle Bürger in realer Freiheit leben. Dazu müssen wir zwischen Bürgerfreiheit und freiem Markt klar unterscheiden.“

Au ja, das klingt fein. Dann machen wir das doch ab jetzt so, oder?

Mit freundlicher Unterstützung durch Oliver von F!XMBR habe ich einen einzigen echten Handlungsvorschlag gefunden, und der lautet, dass Schülern im Wirtschaftskundeunterricht beigebracht werden muss, „dass Konsum allein nicht die Erfüllung des Lebens ausmacht“. So einfach ist das. Ich weiß nicht, ob die Lehrerschaft sich sehr verändert hat, aber mir wurde diese Erleuchtung zu Schulzeiten im Politik-, Deutsch-, Latein-, Kunst-, Geschichts- und sogar im Sportunterricht permanent über den Kopf gehauen, und ich muss gestehen, dass sie mich nicht sehr nachhaltig beeindruckt hat. Natürlich trifft auch dieser Spruch zu, aber gerade weil er so offensichtlich stimmt, ist er vollkommen trivial und sagt uns eigentlich doch wieder gar nichts.

Die „Alternative zur Gewinnmaximierung“ sieht also so aus, dass wir eine „faire, ausgewogene Wirtschaftsweise“ brauchen, mit Leuten an der Spitze, die „glaubwürdig“ sind, und dass möglichst alle Bürger „in realer Freiheit leben“. Noch mal: Der Mann lehrt an einer Universität. Er ist Professor. Er forscht seit Jahren in diesem Bereich. Er hat ein Institut für Wirtschaftsethik gegründet.

Nebenbei: Dass wir die Krise vor allem hemmungslosem Gewinnstreben zu verdanken haben, halte ich für eine grobe Vereinfachung an der Grenze zur schlichten Unwahrheit. Dazu habe ich hier vor einiger Zeit schon mal ein bisschen was geschrieben. Kurz gesagt hat die Krise meiner Meinung nach viel mehr mit völlig falschen Anreizen zu tun, gesetzt von einer Regierung, die unbedingt jedem ein Eigenheim finanziert haben wollte und dafür diese merkwürdigen quasi-staatlichen Vehikel Fanny Mae und Freddy Mac geschaffen hat. Und dann natürlich mit einer gewissen Dummdreistigkeit der beteiligten Banken, die, wie wir gerade erleben, leider völlig gerechtfertigt war. Vielleicht wäre das Wirtschaftssystem, das Herr Professor Ulrich einrichten will, wirklich angenehm zum Leben. Aber wer glaubt, dass es darin keine Krisen mehr gäbe, der ist vielleicht ein echt netter Kerl, versteht aber nicht viel von Ökonomie.

Zum Schluss sagt Professor Ulrich:

„Vor zwanzig Jahren hat man oft den Satz des Satirikers Karl Kraus gehört, in dem ein Student zu seinem Professor kommt und sagt, er möchte gerne Wirtschaftsethik studieren, und der Professor erwidert: ‚Nun entscheiden Sie sich mal, junger Mann: das eine oder das andere?'“

Anscheinend muss man sich wirklich entscheiden.