Endlich gute Regeln

2. Juli 2010

Hui, das ging schnell. Da ist Herr Wulff gerade erst vereidigt worden, und schon fängt er an, seiner Arbeit nachzugehen: Er redet irgendwelchen naiven Blödsinn, der nett klingt, den man aber nicht ernst nehmen kann und bemüht sich, möglichst nicht unangenehm aufzufallen.

[picapp align=“none“ wrap=“false“ link=“term=Christian+Wulff&iid=9270616″ src=“http://view2.picapp.com/pictures.photo/image/9270616/newly-elected-german/newly-elected-german.jpg?size=500&imageId=9270616″ width=“380″ height=“321″ /]

(Über den Zusatz „so wahr mir Gott helfe“ zum Amtseid könnte ich jetzt auch schon wieder ein paar Worte verlieren, weil ich es normalerweise irgendwie besorgniserregend finde, wenn Leute in sehr einflussreichen Positionen sich bei ihrer Inauguration auf die Unterstützung ihres unsichtbaren Skydaddys berufen, aber Herr Wulff übernimmt ja keine solche Position, deswegen spare ich mir das. Amtseid. So ein Blödsinn.)

Bei der Gelegenheit wies er dann auch gleich darauf hin, dass man „den Finanzmärkten endlich gute Regeln […] geben“ müsse, um „die Verursacher der Bankenkrise in Haftung zu nehmen“.

Ähm.

Herr Wulff, die Regeln, um die Verursacher der Bankenkrise in Haftung zu nehmen, gibt es schon lange. Man kann sie pauschal als marktwirtschaftliches System bezeichnen, und sie haben sich ziemlich hervorragend bewährt, aber – und das ist wichtig, passen Sie jetzt bitte gut auf – sie funktionieren nur, wenn Staaten nicht anfangen, die Verursacher der Bankenkrise mit Steuergeldern zu bewerfen. Und wenn Staaten nicht permanent an den marktwirtschaftlichen Regeln herumpfuschen, zum Beispiel, indem sie schwachsinnige Verbote bestimmter Geschäfte beschließen, weil die ihnen gerade politisch nicht in den Kram passen.

Aber machen Sie sich nichts draus, wenn Sie sich darum noch nicht so viele Gedanken gemacht haben. Es spielt ja eh keine Rolle, was Sie so erzählen.

Herr Wulff, ich wünsche Ihnen viel Erfolg in ihrem Amt. Mögen Mary Poppins und Optimus Prime Ihnen nach Kräften beistehen. Wobei auch immer.


Missverständnisse

26. April 2010

Die zukünftige niedersächsische Sozialministerin hat in einem Interview gesagt, dass sterbende Juden an antiken Folterinstrumenten Kruzifixe aus Schulen entfernt werden sollen. Nach einem problemorientierten Gespräch mit unserem Ministerpräsidenten hat sie er nun dankenswerterweise klargestellt: So war das nicht gemeint. Ach so.

Die Stammleser unter euch wird es vielleicht überraschen, dass es mir eigentlich herzlich egal ist, ob irgendwo Kruzifixe hängen. Ich wäre in meiner Schulzeit nie auf die Idee gekommen, mich darüber zu beschweren, wenn jemals eins in einem Klassenzimmer gehangen hätte – obwohl es mir sehr, sehr merkwürdig vorgekommen wäre, aber mir kam auch so schon vieles merkwürdig vor, das wäre also gar nicht weiter ins Gewicht gefallen. Schließlich finde ich, dass jemand, der sich von so einem Ding ernsthaft belästigt oder beängstigt oder unterdrückt fühlt, noch viel dringendere Probleme hat als seine beeinträchtigte Religionsfreiheit.

Was mich stört, sind also nicht die Kruzifixe. Was mich stört, ist die übelkeitserregende Heuchelei, die aufgefahren wird, um sie zu verteidigen. Das fängt schon mal mit so Sprüchen an wie diesem:

„Wir bitten zu beachten, dass das christliche Kreuz nicht nur ein religiöses Symbol ist, sondern für uns auch Ausdruck unseres westlichen Werteverständnisses, welches die Grundlage unserer christlich-demokratischen Partei ist.“

Nein, klar. Das christliche Kreuz ist nicht nur ein religiöses Symbol und deshalb total okay. Genau wie das Kopftuch. Äh. Nee. Moment. Das Kopftuch ist zwar auch nicht nur ein religiöses Symbol, aber genau deshalb nicht okay. Glaube ich. Oder wie? Naja. Egal. Jedenfalls ist das Kreuz auch ein Symbol der CDU und muss deshalb unbedingt in jeder Schulklasse… Nee, auch wieder nicht. Naja, ihr wisst schon, wie der Lechner das meint.

Vollends übel wird mir, wenn ein Integrationsbeauftragter (!) unserer größten Volkspartei (!) meint, sich mit der Bemerkung hervortun zu müssen:

„Politiker, die Kreuze aus Schulen verbannen wollen, sollten sich überlegen, ob sie in einer christlichen Partei an der richtigen Stelle sind“

Verdammt noch mal, wie schwer ist das eigentlich? Ein bisschen Selbstreflexion? Mal nachdenken, bevor man sich in irgendwelche Mikrophone erbricht? Was würde die CDU wohl sagen, wenn eine SPD-Regierung das Kommunistische Manifest in Klassenräumen aushängen würde? Wenn die Grünen da, wo sie mitregieren, darauf bestünden, dass „Atomkraft – Nein, danke!“-Aufkleber an den Tafeln angebracht werden? Wenn die FDP Hakenkreuze

Ich vermute, dann würde den CDU-Leuten plötzlich wieder einfallen, dass unsere Schulen eben nicht dazu da sind, das zu verbreiten, was die gerade herrschende Partei für richtig hält, sondern Kinder aller Religionen und aller Abstammungen möglichst weltanschauungsneutral zu erziehen und zu bilden.