Wer braucht eigentlich Würde?

17. November 2013

Und wozu? Echt jetzt. Ich kann mich nicht erinnern, wann mir das Konzept mal im Rahmen einer sinnhaften Argumentation untergekommen oder auch nur schlüssig definiert worden wäre. Würde als Beschreibung eines bestimmten Habitus‘ kann ich gerade noch durchgehen lassen, aber in ihrer nebulös-magischen Anrufung etwa als „Menschenwürde“ ist sie mir schon lange nicht mehr nur suspekt.

Ein zugegebenermaßen sehr zu Gunsten meiner Position ausgewähltes Beispiel: Der Bundespräsident. Dessen Würde war gerade vor ein paar Tagen Thema in einer FAZ-TV-Kritik, und ich würde das gerne einmal mit euch durchsprechen, um zu sehen, ob ich es nur einfach nicht raffe, oder ob das wirklich alles Quark ist.

Frank Lübberding schreibt dort:

Maybrit lllner fragte nämlich: „Präsidenten vor dem Richter. Gerechtigkeit für Wulff und Hoeneß?“ […] Offenkundig kommt kaum noch jemand auf die Idee, zwischen einem Manager aus der Unterhaltungsindustrie und dem Staatsoberhaupt dieses Landes zu unterscheiden.

Und man muss zugeben: Ja gut. Das sind schon zwei sehr unterschiedliche Positionen. Der eine von den beiden hat einen echten Job, von dem viel abhängt, er muss echte Leistung bringen für sein Geld, und trägt eine hohe Verantwortung, wohingegen der andere … Staatsoberhaupt dieses Landes ist.

Ja, pardon, ich weiß, aber das musste sein, und ist doch so, und wird man doch wohl noch sagen dürfen.

Aber mal im Ernst: Was meint Frank Lübberding? Welche Unterscheidung fordert er ein? Es gibt vielleicht einen Kontext, in dem diese Unterscheidung einen gewissen Sinn ergäbe: Der Bundespräsident ist ein Staatsorgan. Er bekommt sein Geld vom Staat und muss sich damit vor der gesamten Bevölkerung verantworten, wenn er die damit verbundene Aufgabe, worin auch immer die bestehen mag, nicht angemessen erfüllt, wie immer er das auch machen sollte. Der Funktionär eines Unternehmens ist vielleicht eher nur den Leuten verantwortlich, denen dieses Unternehmen gehört, vielleicht auch noch dessen Kunden und Mitarbeitern und sonstigen Stakeholdern, aber irgendwann ist halt Schluss. Aber auch das finde ich nicht recht überzeugend, denn beide sollen gegen Strafgesetze verstoßen und damit etwas getan haben, das nach Auffassung des Gesetzgebers ein Vergehen gegen das gesamte Volk ist. Welcher Unterschied also?

Auch Lübberdings weitere Argumentation lässt Ungutes erahnen. Er schreibt, der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki habe zwar Hoeneß als „arme Sau“ betitelt, nicht aber Wulff, und meint dazu:

Kubicki gewährte Wulff damit jenen Rest an Würde, der einem ehemaligen Staatsoberhaupt zugestanden werden muss, sich nämlich nicht nur als Opfer zu begreifen. Das Amt verträgt sich nicht mit dieser Rolle des Wehrlosen.

Liegt es an mir, oder kann man das nur so lesen, dass einem ehemaligen Staatsoberhaupt ein „Rest an Würde“ zusteht, anderen Menschen aber nicht? Dass es okay ist, einfache Bürger „nur als Opfer zu begreifen“, und ihnen die „Rolle des Wehrlosen“ zuzuweisen, aber bei ehemaligen Staatsoberhäuptern plötzlich inakzeptabel wird?

Liegt es an mir, oder findet ihr das auch ziemlich eklig?

Für Wulff gilt protokollarisch nicht ohne Grund immer noch die Anrede „Herr Bundespräsident“.

Ahja. Nicht ohne Grund. Ich bin gespannt.

 Er übt das Amt zwar nicht mehr aus, aber der Ehrensold und die Büroausstattung gelten nicht ihm persönlich, sondern der Würde dieses Staates, den er immer noch repräsentiert.

Wie jetzt? Der Ehrensold gilt der Würde dieses Staates? Dann kriegt Wulff den gar nicht auf sein privates Konto? Naja, doch. Dann kann er persönlich nicht damit machen, was immer er für richtig hält? Naja, doch. Was genau soll das bedeuten, dass dieser Kram „nicht ihm persönlich“ gilt?

Und inwiefern repräsentiert Christian Wulff die Bundesrepublik Deutschland? Was genau bedeutet das? Wenn Wulff wehrlos wäre, verurteilt würde, eine arme Sau wäre, was würde das über unseren Staat aussagen, den er repräsentiert?

Und was zur Hölle ist eigentlich die „Würde dieses Staates“? Unser Staat ist ein Abstraktum. Er ist eine Organisation, eine Struktur. Wie kann sowas Würde haben? Und was genau bedeutet das, wenn es sie hat? Und inwiefern hängt diese Würde einer abstrakten Organisationsform an der Büroausstattung von Christian Wulff?

Begreife ich das nur nicht, weil ich in meinem anarchistischen Totalitarismus die Augen verschließe vor der praktischen Realität der Demokratie? Könnt ihr mir das erklären? Irgendjemand?

Ich wäre sehr dankbar.