Fake-News

3. Januar 2017

Ethik könnte das erste Opfer der Republikaner sein

titelt die Zeit (und übernimmt damit sinngemäß ein Zitat von Nancy Pelosi, der „Anführerin der Demokraten im Repräsentantenhaus“; man hätte auch sagen können: Fraktionsvorsitzenden, oder Minority Leader), schreibt im Teaser drunter:

Die Republikaner wollen die Befugnisse einer unabhängigen Ethikkommission beschneiden.

und im eigentlichen Text dann:

Republikaner des US-Repräsentantenhauses haben sich in einer internen Sitzung dafür ausgesprochen, die Befugnisse der unabhängigen Ethikbehörde der Regierung stark zu beschneiden.

Ich muss natürlich zugeben, dass man vertreten kann, dass es kleinlich ist, wenn jemand findet, so eine schreiend tendenziöse Überschrift, gepaart mit einer beiläufigen Gleichsetzung von Ethik mit einer Ethikkommission mit einer Ethikbehörde, sei nicht nur per se schlechter Journalismus, sondern auch Zeichen einer sehr bedenklichen grundsätzlichen Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit und zu hoher Priorität für Effekthascherei und Klickbait-Überschriften, weil doch sicher jeder weiß, was gemeint ist. Aber dann soll man sich zumindest nicht wundern, dass Leute keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Zeit-Artikeln, Russia Today und den Facebook-Posts ihres Onkels sehen.

Ach ja, falls es euch interessiert: Das Office of Congressional Ethics ist (laut Selbstbeschreibung zumindest) definitiv keine Behörde und gehört auch nicht zur Regierung, sondern ist eine unabhängige, überparteiliche Organisation, die man auf Deutsch meines Erachtens deshalb am ehesten als „Ethikkommission“ bezeichnen würde. Man könnte natürlich darauf hinweisen, dass der Vorstand dieser völlig unabhängigen und überparteilichen Entität offensichtlich fast komplett aus Politikerinnen (und einer an ihrer Uniform als solche erkennbaren Soldatin) besteht, und dass das ein Problem sein könnte. Dafür müsste man sich aber natürlich ein bisschen für Hintergründe und Komplexität und sowas interessieren und nicht einfach nur dumpfes Anti-Trump-Ressentiment bedienen wollen. Ich weiß, dass ich mich mit diesem letzten Satz ein bisschen unnötig angreifbar mache, aber ich finde die Hypothese in Anbetracht der Gesamtumstände gut haltbar und mache sie mir deshalb bis auf Weiteres ganz ernsthaft zu eigen.

Advertisements

Alle doof außer Tuvia Tenenbohm

21. November 2016

Ich habe hier ja schon mal über einen Beitrag von Tuvia Tenenbohm geschrieben, deshalb packte mich die Neugier, als mir sein Name auf zeit.de ins Auge fiel, zumal er offensichtlich

Hilfe!

brauchte, und ihr wisst ja, wie hilfsbereit ich bin, vor allem, wenn jemand wie Herr Tenenbohm überall kleine Diktatoren sieht, denn Freiheit ist mir wichtig.

Den Rest des Beitrags lesen »


Ich habe ein Blog. Es ist das beste Blog. Fragen Sie, wen Sie wollen. Es ist riesig. Hillary hat kein Blog. Aber meins ist gigantisch. Es ist das beste Blog. Können Sie jeden fragen.

29. September 2016

Donald Trump macht mir gar nicht so besonders viel Angst. Vielleicht ist das mein Fehler. Denn er ist natürlich ein Phänomen, das man aus guten Gründen mit Sorge beobachten kann. Vergleiche mit der AfD und ähnlichen Gruppierungen in Deutschland drängen sich auf, sicher sind da ähnliche Mechanismen am Werk. Aber was ich eigentlich schlimmer finde, ist die Berichterstattung. Na gut, man kann das nicht gut trennen, weil insbesondere Trump als Phänomen ja durch die und in der Berichterstattung überhaupt erst stattfindet. Aber was ich meine, sind solche Sätze wie dieser:

Das eigentliche Drama, das sich da vor einem Weltpublikum ereignete, handelte von einem untergründig spürbaren Beben, das geeignet ist, das Rationalitätsprinzip des Diskurses auszuhebeln.

Dieser ist jetzt aus einem Artikel auf zeit.de, aber ich lese so was öfter. Gefolgt wird es wie auch hier meistens von einem oder zwei Absätzen, in denen es darum geht, dass in den Echokammern und Filterblasen der sozialen Medien dann dezentral die jeweils eigenen Narrative perpetuiert werden, völlig unabhängig von den Fakten und – so schwingt es mal mehr, mal weniger subtil mit – der doch eigentlich maßgeblichen Einschätzung der großen kommerziellen Medien.

Und ich finde, nein. Ich finde, das ist nicht das eigentliche Drama. Das eigentliche Drama ist, dass man bei zeit.de, und bei deren Mitbewerbern, offenbar im Ernst glaubt, unser öffentlicher politischer Diskurs wäre vor Trump oder sogar jetzt auch noch beherrscht von einem Rationalitätsprinzip. Das ist eine abwegige, eine gefährliche Vorstellung, weil sie den Status Quo als richtig und in Ordnung zementiert. Und natürlich ist mir schon klar, dass Trump an Dreistigkeit, demonstrativer Gleichgültigkeit gegenüber Fakten und auch an argumentativer Brutalität solchen Leuten, wie sie bisher auf dieser Ebene üblicherweise auftraten, noch ein bisschen was voraushaben mag. Das erkenne ich an, und das meinte ich mit meiner einleitenden Bemerkung: Trump ist schlimmer als die anderen. Denke ich auch.

Aber so zu tun, als brächte er dieses völlig neue Phänomen mit, das finde ich inakzeptabel. Dieser rationale politische Diskurs, dem man gerade vielerorts nachtrauert, und der früher doch noch selbstverständlich war, bevor Facebook und Twitter und all diese Echokammern und Filterblasen ihn vergiftet haben, indem sie ihn aus der Hand der FAZ und der NYT rissen, hat uns immerhin Dinge beschert wie die Strafbarkeit von Homosexualität bis 1994, oder die unfassbar verlogene Debatte bis hin zur Bundesverfassungsgerichtsentscheidung zum Inzestverbot, oder meinetwegen auch Helmut Schmidts berühmte Idee, privates Fernsehen wäre gefährlicher als Kernkraft, um nur ein paar Beispiele willkürlich herauszupicken, die mir gerade so einfallen. Wenn ihr wollt, sage ich sogar noch Bild-Zeitung. Unser politischer Diskurs war auch vor Trump nicht rational, und genau das hat so jemanden wie Trump oder die AfD ermöglicht. Er gerierte sich rationaler und war mit sich selbst so zufrieden, dass er jemanden wie Trump oder die AfD als Nutznießer der dadurch erzeugten Ressentiments geradezu herausgefordert hat, würde ich sogar behaupten.

Und jetzt habe ich schon wieder eine ganze Menge Worte gebraucht, um meine eigentlich recht simple Botschaft zu vermitteln: Ja, gut, Trump ist schlimm. Und das darf man auch gerne sagen. Aber so zu tun, als wäre vor Trump alles gut gewesen, das ist auch schlimm, und potentiell sogar schlimmer, und außerdem völlig unnötig, wenn man ein total differenziert und ausgewogen berichtendes Qualitätsmedium voller gut ausgebildeter Autorinnen und bestens informierter Quellen ist.

Oder?


Was haben Sie angerichtet, Frau Köhler?!

29. April 2016

Eigentlich haben Stefan Niggemeier und Martin Vogel selbst alles Nötige geschrieben zum Streit darüber, ob die VG Wort offenkundig rechtswidrig einen Teil ihrer Einnahmen an die Verlage ausschütten darf, oder ob sie ihrer treuhänderischen Funktion entsprechend die Vergütung an die Rechteinhaber weiterleiten muss, und zu der klärenden Entscheidung des BGH (leider noch nicht im Volltext veröffentlicht) dazu.

Aber nachdem ich nun gestern Abend auf zeit.de Karen Köhlers offenen Brief dazu gelesen habe, fühle ich das dringende Bedürfnis, mich doch noch mal dazu zu äußern. Und wie anders sollte ich das tun als in einem eigenen offenen Brief?

Liebe Frau Köhler,

seit gestern frage ich mich, ob Sie eigentlich wissen, was Sie da geschrieben haben. Ob Ihnen klar ist, wie niederträchtig und unaufrichtig Ihr Beitrag geworden ist, und wie atemberaubend unfair gegenüber seinem Adressaten, Herrn Martin Vogel, oder ob Sie sich vielleicht nur emotional haben mitreißen lassen, und gar nicht richtig verstehen, wie furchtbar das geworden ist. Kann ja mal passieren. Nun nehme ich nicht an, dass Sie diesen Post hier je lesen werden, und auch Martin Vogel wird ihn leider wohl nicht finden – ich wünsche ihm, dass er ihn auch nicht braucht und das wütenden Gegröhle, das jetzt überall gegen ihn erschallt, eher mit Genugtuung denn mit Schmerz wahrnimmt -, aber ich fühle mich trotzdem gedrängt, es zu erklären, und Ihrem Werk etwas entgegenzusetzen, weil ich den Gedanken nicht ertrage, dass es da so unkommentiert im Internet herumsteht. Na gut, unkommentiert stimmt nicht, es stehen ja Kommentare drunter. Aber jedenfalls noch keiner von mir. Außerdem finde ich die Geschichte exemplarisch so interessant, dass ich gerne sicher gehen möchte, dass meine Leser(innen) drüber informiert sind.

Sie schreiben:

ich frage mich, ob Sie sich tatsächlich darüber freuen können, Recht zugesprochen bekommen, aber eine Schneise der Verwüstung in der deutschen Verlagslandschaft hinterlassen zu haben.

Dieser Satz ganz allein illustriert schon fast die ganze Misere, scheint mir. Er ist auf so vielen Ebenen unaufrichtig und gemein und unvernünftig, dass es richtig Arbeit wird, das aufzudröseln. Aber ich bin ja selbst Schuld, ich hab mir das selbst ausgesucht. Ans Werk.

  1. Beginnen wir am Anfang: Die Frage, „ob Sie sich tatsächlich darüber freuen können“ impliziert durch diese Formulierung erstens, dass Herr Vogel das alles nur zum Spaß gemacht haben könnte, und zweitens, dass er sich eventuell tatsächlich über den Schaden freut, den er Ihrer Meinung nach angerichtet hat, nur weil er so gerne recht hat, oder schlicht böse ist.
  2. Sie sind sich natürlich zu schade dafür, Herrn Vogel zuzugestehen, dass er Recht hat. Er hat es in Ihrem Satz nur zugesprochen bekommen.
  3. Die „Schneise der Verwüstung“, wie Sie hier formulieren – danke für die bescheidene Zurückhaltung, immerhin hätten Sie ja auch irgendwas vom Holocaust schreiben können – hat Herr Vogel nicht einmal dann hinterlassen, wenn sie tatsächlich kommen sollte, denn bisher ist sie nicht da, und Sie nennen auch keine Fakten, die klar den Schluss zulassen, dass sie kommen wird, und schließlich, und das ist natürlich das Hauptproblem
  4. sieht Ihre Wortwahl ganz klar einen einzigen Verantwortlichen für diese Verwüstung, nämlich Herrn Vogel, der einfach nur einen Betrag eingeklagt hat, von dem er vollständig zurecht der Meinung war, er stehe ihm zu, und sei ihm vom damit beauftragten Treuhänder rechtswidrig vorenthalten worden. Dass zum Beispiel die VG Wort und die Verlage, die diese schreiend unzulässige Praxis sehenden Auges jahrzehntelang so haben bestehen lassen und dabei keinerlei Bereitschaft zu Gespräch oder Einsicht, geschweige denn irgendeiner Anpassung, gezeigt haben, auch was mit dem Problem zu tun haben, kommt bei Ihnen nicht mal als Möglichkeit vor. Schuld an der Blöße des Kaisers ist in Ihren Augen das Kind, das sie ausspricht. Kommt rüber, warum ich oben von Niedertracht und Unaufrichtigkeit gesprochen habe, obwohl ich ja generell Bescheidenheit in der Wortwahl befürworte?

Bisher habe ich knapp 1.700 Euro von der VG Wort erhalten, mein Verlag also etwa 730 Euro (das weiß ich nicht genau, das habe ich nur errechnet). Soll ich Ihnen etwas sagen: Das finde ich vollkommen in Ordnung. Selbst wenn wir halbe-halbe gemacht hätten, fände ich das immer noch in Ordnung.

Warum dieser rhetorische Kniff unanständig ist, habe ich vor einer Weile schon mal erklärt. Soll ich Ihnen etwas sagen: Sie können Ihrem Verlag weiterhin so viel von Ihrem Geld geben, wie Sie wollen. Niemand möchte oder darf Sie daran hindern. Genausowenig wie es Ihnen zusteht, das Geld anderer Leute deren Verlagen zuzusprechen, nur weil Sie Ihren so gerne mögen. Und um Himmels Willen, wie gerne Sie ihn offenbar mögen:

Viele Aufgaben, die mein Verlag erfüllt, kann und will ich nicht alleine übernehmen. Ich brauche dafür ein Gegenüber. Angefangen bei der ersten Arbeit am Manuskript, dem In-Form-Bringen des Inhalts, bis zur äußeren Form, der Gestaltung und dem Druck des Buches. Dann denke ich weiter an den Vertrieb, an die tapferen Vertreter, die von Buchhandlung zu Buchhandlung tingeln und Inhalte anpreisen, dazu hätte ich gar nicht die Zeit

Auch hier danke ich Ihnen wieder für die Zurückhaltung, die „tapferen“ Vertreter nicht noch durch Schnee und Hagel stapfen und ihre sieben hungrigen Kinder nebst der schwer kranken Ehefrau, die sie sicherlich zu Hause haben, unerwähnt zu lassen.

Dass diese Aufgaben von anderen Leuten, von Spezialisten, übernommen werden, finde ich gut. Und dass diese Spezialisten einen Anteil daran haben, wie erfolgreich ein Buch ist, […] das ist für mich selbstverständlich.

Auch wenn sie das in den folgenden Sätzen noch erläutern: Das liest sich zunächst, als wollte irgendwer, namentlich Herr Vogel, was daran ändern. Als führte Herr Vogel einen Feldzug zur vollständigen Vernichtung der Verlage und wollte ihnen ihren Anteil wegnehmen, den sie sich doch so selbstverständlich durch ihre unerschütterliche Tapferkeit und Partnerschaft und selbstlose Grundgüte verdient haben. Sie sind professionelle Schriftstellerin, deswegen fällt es mir schwer, Ihnen abzunehmen, dass Ihnen das nicht aufgefallen ist. Dabei wissen Sie ja genau, wie Sie etwas später auch schreiben, dass die Verlage schon ganz unabhängig von der VG Wort „einen Anteil“ daran haben und auch weiterhin haben werden, nämlich den bei Weitem höchsten von allen Beteiligten.

Aus allen diesen Gründen bin ich auch einverstanden, dass ein Teil der VG-Wort-Tantiemen an meinen Verlag fällt. Das ist für mich ein partnerschaftliches Teilen und selbstverständlich.

Und wieder: Okay. Dann teilen Sie, wenn Sie wollen. Sie dürfen das entscheiden, denn es ist Ihr Geld. Nicht entscheiden dürfen Sie über das Geld anderer Leute, genausowenig wie wie die VG Wort, denn es ist weder Ihr Geld, noch das der VG Wort, es ist das Geld der anderen Leute. Und wenn man über das Geld anderer Leute gegen deren Willen entscheidet und verfügt, dann ist das nicht partnerschaftliches Teilen und selbstverständlich, sondern es ist rechtswidrig, und in meinen Augen wäre auch der Begriff „kriminell“ nicht zu überzogen. Dass Sie diesen Unterschied nicht nur ignorieren, sondern auch noch mindestens fahrlässig verwischen, ist in meinen Augen unanständig.

Es mag sein, dass es im wissenschaftlichen Buchbereich um die Idee der Partnerschaftlichkeit nicht ganz so rosig bestellt ist, wo ja oftmals der Druck des einzelnen Werkes vollständig durch die Autoren finanziert werden muss. Dass da ein Gefühl von Ungerechtigkeit aufkommt, kann ich nachvollziehen.

Man kennt das ja. Im Bereich der Belletristik kommt ein solches Gefühl niemals auf, weil es da so schön rosig bestellt ist um die Partnerschaftlichkeit. Fies von diesem doofen Wissenschaftler, dass er das jetzt auch für andere kaputt machen will, nur weil er selbst keine Freude im Leben hat. Oder wie meinen Sie das?

Das liegt vielleicht dann aber nicht an der VG-Wort-Verteilung, sondern an einem Strukturproblem bei Veröffentlichungen innerhalb des Wissenschaftsbetriebes?

Mag sein. Kann aber dahin stehen. Hat nämlich zum Glück absolut nichts mit der Frage zu tun, ob die VG Wort das Geld, das sie für die Urheber treuhänderisch verwalten soll, einfach ohne deren Zustimmung an irgendwelche anderen Leute ausschütten darf. Wenn ich Sie dran erinnern darf: Dass Herr Vogel diesen Prozess geführt hat, weil mal ein Verlag nicht so lieb zu ihm war, war Ihre These. Es ist deshalb keine ganz so triumphale Erkenntnis wie Sie womöglich meinen, dass das keinen Sinn ergibt.

Und dann schreiben Sie noch mal recht viel darüber, wie wunderbar doch gerade die kleinen Verlage sind, die so mutig Risiken mit unbekannten Autoren und möglicherweise nicht so rentablen Projekten eingehen und damit die besondere Vielfalt der deutschen Literatur undsoweiterundsofort, und kommen zu dem Schluss:

Die angebliche Kluft zwischen Verlagen und Autor*innen, die Sie mit Ihrer Klage weiter befeuert haben, ist für mich nur ein Abstand, der sich mit einem Händeschütteln überwinden lässt.

Und ich weiß, ich wiederhole mich, aber weil Sie es ja auch tun, möchte ich es noch mal ganz klar aufschreiben:

Die VG Wort zahlt seit Jahrzehnten Geld, das den Urhebern zusteht, und das sie ihrer Aufgabe nach für diese nur treuhänderisch verwaltet, ohne deren Zustimmung an die Verlage aus, und ist auch nicht bereit, darüber zu reden, ob diese offenkundig unzulässige Praxis vielleicht irgendwie mal überarbeitet werden sollte. Herr Vogel versucht dies trotzdem, und niemand redet mit ihm. Er wird abgeblockt, ignoriert, lächerlich gemacht. Und dann klagt er eben, und bekommt nach Jahren am Ende Recht. Jahre, die weder die Verlage, noch die VG Wort nutzen, um etwas zu verändern, obwohl klar abzusehen ist, wie die Sache ausgeht.

Und Sie haben im Ernst die Dreistigkeit, Herrn Vogel jetzt vorzuwerfen, er hätte eine Schneise der Verwüstung geschlagen und die Kluft zwischen Verlagen und Autor*innen befeuert, auch wenn die Ihrer Meinung nach eigentlich gar nicht existiert? (Ich hätte fast der Versuchung widerstehen können, die Katachrese zu kommentieren, aber ich kanns jetzt doch nicht, weil mir Ihr Text so unsympathisch ist und ich sie gerade wirklich ulkig finde. Pardon.)

Wow. Das gefällt mir nicht. Das gefällt mir sogar überhaupt nicht.

[Offenlegung: Ich habe im Jahr 2015 von der VG Wort 900€ für die Verwertung einer mehr oder weniger wissenschaftlichen Veröffentlichung erhalten.]


Wahrscheinlich imaginäre Zusammenhänge

24. April 2016

Ich schreibe hier ja zurzeit nicht viel. Ich weiß nicht, ob ihrs bemerkt habt. Jedenfalls sind mir sogar immer wieder Sachen über den Weg gelaufen, bei denen ich sowas dachte wie hmmm, das ist ja eigentlich tolles Material, aber andererseits ist es gewissermaßen schon wieder zu toll. Wisst ihr, was ich meine? Sowas wie dieses hier:

Eine Entscheidungen wie die Abschaffung eines Strafparagrafen brauche jedoch eine Phase des Nachdenkens und der Abwägung, sagte Gauck dem Deutschlandfunk. Mit Blick auf den ebenfalls im Strafgesetzbuch verankerten Schutz des Bundespräsidenten vor Verunglimpfungen sagte er, vielleicht vermittle die bestehende Rechtsordnung eine Ahnung von dem Respekt, den man einander in der Demokratie schuldig sei.

Zeug, das sich ohnehin schon so liest, als wäre es direkt aus The Onion, und zu dem man auch beim besten Willen nichts mehr hinzufügen kann, was es noch unterhaltsamer machen würde.

Oder man könnte halt der siebenhundertvierzehnte sein, der schreibt, dass man darüber eigentlich echt nicht so viel schreiben müsste.

Aber jetzt gerade hab ich gedacht, eine Idee hätte ich, die ich so noch nicht gesehen habe, und die ich euch mal präsentieren will, in dem Bewusstsein, dass es daran liegen könnte, dass sie einfach ein bisschen dämlich ist, aber der Gedanke verfolgt mich, und für genau diese Gedanken ist dieses Blog ja … Schon gut, ich fang jetzt an. Also:

Die Erdoğan-Affäre. Ganz kurz, weil ja vielleicht die eine oder der andere von euch sich für meine Meinung interessiert: Böhmermann kann ich bekanntlich eh nicht leiden, sein Gedicht ist rassistisch und überhaupt furchtbar -istisch und mies, und seine Vor- und Nachrede macht das kaum besser, und vor allem gönne ich ihm halt einfach die Aufmerksamkeit nicht, die er sich damit erklassenclownt hat, weil die bei anderen Themen viel mehr gebraucht worden wäre. Die Abschaffung von §103StGB ist natürlich keine schlechte Idee, aber warum redet (meiner Wahrnehmung nach) denn NIEMAND darüber, dass man dann konsequenterweise auch gleich alle Beleidigungstatbestände abschaffen sollte, zum Beispiel den, der unser das deutsche Staatsoberhaupt speziell schützt, oder gleich überhaupt jeden? Wenn wir schon mal dabei sind?

Das „Satire darf alles“-Gebrüll weckt bei mir immer gewisse unangenehme Assoziationen, eben weil es so spezifisch ist. Warum darf denn ausgerechnet Satire alles, wenn doch sonst nichts und niemand alles darf, und was ist eigentlich Satire? Ich will keiner einzelnen Person sowas unterstellen, aber die Debatte in ihrer Gesamtheit erweckt bei mir den Eindruck, als ginge es nicht darum, dass die deutsche Gesellschaft plötzlich ihre Leidenschaft für Meinungsfreiheit entdeckt hätte, sondern eher … Naja. Wenn ich gemein sein will: Darum, dass wir überhaupt nicht einsehen, dass irgend so ein Kanake einen von uns anzeigen darf, nur weil wir ihn einen Ziegenficker nennen, denn bei uns gilt ja schließlich das Grundgesetz, hat der anatolische Analphabet davon nix gehört? Wäre ja noch schöner, das ist immer noch unser Land hier, und hier entscheiden wir, was witzig ist!

Und wenn ich meinen inneren Böhmermann ein bisschen zügle, bleibt aber zumindest noch: Hey, der ist doch so charmant und originell und im Fernsehen und ich mag den doch, der darf doch nicht für einen dummen Witz bestraft werden, und schon gar nicht für einen über diesen Unsympathen da, der es doch so verdient hat!

Und der Verdacht, dass die Meinungsfreiheit an sich keinen großen Aufschwung erlebt, hat sogar eine Grundlage: Wir diskutieren parallel nämlich über ein Verbot sexistischer Werbung. Und das tun wir auf eine Art und Weise, der ich jedes Mal nur mit offenem Mund staunend zusehen kann, wenn mir ein Beispiel begegnet, weil … Wow. Gefühlte 86% aller Beiträge verkennen schon den grundlegenden Unterschied zwischen sexistischer Werbung und Werbung mit irgendwie erotischen Inhalten, und insgesamt scheint es vorrangig die eine Seite zu geben, die pauschal bestreitet, es gäbe überhaupt ein Problem mit Sexismus in der Werbung, und die andere, die dieses Problem zwar richtig erkennt, daraus aber ohne weitere Zwischenschritte schon die Rechtfertigung für ein Verbot herleiten will. So zum Beispiel:

Alle regen sich auf über das geplante Verbot von Sexismus in der Werbung. Dabei würde es weder Nacktheit verbieten noch die Meinungsfreiheit bedrohen.

Und darunter stehen dann bizarre Satzfolgen wie diese hier:

[Der Staat] hat auch nicht festzulegen, wie Werbetreibende Produkte bewerben.

Er kann und sollte jedoch regulieren, mit welchen Bildern und Slogans die Kaufentscheidung mündiger Verbraucher nicht beeinflusst werden darf. Genau das tut er bereits.

Hö? Äh… Also. Der Staat darf ganz selbstverständlich Werbetreibenden nicht vorschreiben, wie sie Produkte bewerben. Aber er sollte natürlich regulieren, welche Bilder und Slogans sie dabei nicht benutzen. Und das ist für die Meinungsfreiheit völlig unproblematisch, weil … es bereits stattfindet. Klar soweit?

Wie bitte? Was meint ihr? Warum ich euch erst ein Stück vom Böhmermann erzähle und dann plötzlich mit sexistischer Werbung um die Ecke komme? Naja… Schaut doch noch mal in die Überschrift. Ich finde, dass beide Debatten auf mehreren Ebenen zusammenhängen. Einmal geht es in beiden um die Meinungsfreiheit, und die zweite illustriert, dass die in Deutschland immer noch weitgehend nicht angekommen und verstanden ist, und beide zeigen ein Phänomen, das leider kaum explizit thematisiert wird, aber fast immer irgendwo mitschwingt und mich maßlos ärgert:

Es geht um die Hierarchisierung von Äußerungen. Was ein Böhmermann sagt, der Millionen Fans hat, kann doch unmöglich Beleidigung sein. Das ist Satire, und die darf alles, und folgerichtig darf Böhmermann als Satiriker alles. Und genauso bei der Werbung: Natürlich geht es uns nicht darum, Meinungsfreiheit einzuschränken. Nur bei Werbung, da machen wir Verbote. Weil es doch nur Werbung ist. Da gibts doch eh schon Vorschriften. Ist doch egal.

Wir stufen Äußerungen in mehr oder weniger schutzwürdige ein, und zwar eben nicht nach ihrem Inhalt, sondern danach, von wem sie kommen. Und gelegentlich finde ich sogar Beiträge, in denen das ganz dreist ausdrücklich steht. In der Zeit zur sexistischen Werbung etwa so:

In den Gedanken der Menschen bleibt Sexismus immer frei. In ihren Äußerungen lässt er sich auch nicht einhegen, aber immerhin zur Rede stellen. In der Werbung ließe er sich jedoch juristisch stellen und als das demaskieren, was er ist: eine unzulässige Diskriminierung.

Nils Pickert meint also, Sexismus lasse sich in Äußerungen von Menschen nicht einhegen, in der Werbung aber schon. Woraus zwanglos folgt, dass er Werbung und Äußerungen von Menschen für völlig diskrete Kategorien hält. Was etwas Bedenkliches über sein Weltbild verrät, wenn ihr mich fragt.

Und in der Böhmermann-Debatte habe ich bei Twitter zum Beispiel diesen interessanten Thread gefunden, in dem es um die (wenn auch wirr geäußerte) These geht, dass wenn ein Satiriker was macht, das schon seine Ordnung haben muss, dafür sei er ja schließlich Satiriker.

Und das ist in meinen Augen ein Problem. Ich finde, wir müssen uns entscheiden. Entweder darf jeder jeden einen Ziegenficker nennen, oder niemand niemanden. Oder zumindest brauchen wir klare, verständliche, möglichst schriftlich fixierte Kriterien dafür, wann man jemanden einen Ziegenficker nennen darf (zum Beispiel, wenn man vorher gesagt hat, dass man es eigentlich nicht darf?), und wann man dafür bestraft wird, und diese Kriterien sollten bitte nicht eine eigene Fernsehsendung beinhalten. Und ich finde, dass wir uns auch bei der anderen Frage ohne Ansehen der äußernden Person entscheiden müssen. Entweder ist Sexismus strafbar, oder er ist es nicht. Oder meinetwegen ist er auch nur unter bestimmten Voraussetzungen strafbar, aber das sollen dann auch wieder vernünftige sein. Warum ist Sexismus in der Werbung denn per se schlimmer als in einer Kabarett-Show oder in einer Glosse oder einem Blogpost?

Und trotzdem dachte ich noch, dass es eigentlich ein bisschen albern ist, das zu schreiben. Zu weit hergeholt. Zu selbstverständlich. Zu wenig Fleisch. Aber dann fand ich diesen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, in dem es die Game-Of-Thrones-Fans geht, die drüber streiten, ob Jon Snow gestorben sein darf. Und ich finde, auch der illustriert das gleiche Problem, und zwar auf dermaßen unreflektierte und unverschämte Weise, das ich mich immer noch frage, ob ich was nicht richtig verstanden habe:

Der Aufschrei, der durch die Welt ging, nachdem die letzte Folge der fünften Staffel gestreamt worden war, war ein äußerst vermessener. Es ist dreist, eine kreative Entscheidung der Macher von fiktiven Produktionen zu kritisieren. Es ist eine Unverschämtheit gegenüber den Autoren, die sich über Monate und Jahre eine Story überlegen, die in sich schlüssig, aufregend und unterhaltsam ist.

Jeder Serienkonsument hat das Recht, kreative Entscheidungen infrage zu stellen. Es ist nur furchtbar lächerlich.

[…]

Abgesehen von der Anmaßung, die in der Kritik künstlerischer Entscheidungen steckt, ist sie auch schon aus eigenem Interesse Unsinn. Was wäre denn, wenn sich Macher nun entschieden, jedem Shitstorm, den das Internet heute heraufbeschwört, nachzugeben? Protagonisten würden überleben, Jon Snow säße auf dem Thron, wäre mit Daenarys verheiratet und würde mit seiner Drachen-, Dothraki-, Unsullied-Armee die White Walker aus der Welt pusten, bevor sie Winterfell erreichen können.

Robert Hofmann – übrigens 1987 geboren, das macht es für mich vielleicht noch ein bisschen schlimmer – erklärt hier als Repräsentant einer großen Tageszeitung deren Leserinnen die Welt, wie er sie ja offenbar in seiner Ausbildung und Arbeit dort zu sehen gelernt hat: Es gibt die, die Medien produzieren, und es gibt die, die Schnauze zu halten haben, und zu fressen, was erstere ihnen hinkippen. Und natürlich dürfen sie deren Entscheidungen infrage stellen. Aber es ist furchtbar lächerlich, wenn sie es tun, denn damit verkennen sie nicht nur die ihnen zugewiesene Rolle in der Welt, sie tun sich auch selbst keinen Gefallen, weil sie zu blöd sind zu wissen, was sie wollen.

Und deswegen finde ich es gerechtfertigt, diese drei Debatten in einen Beitrag zusammenzufassen. Nicht nur, weil jede einzelne davon nicht genug hergibt für mich, sondern auch, weil sie alle gemeinsam – natürlich nicht ausnahmslos – ein Prinzip ignorieren, von dem ich mir wünschte, es wäre selbstverständlich: Äußerungen sind nach ihrem Inhalt zu bewerten, und nicht danach, woher sie kommen. Und weil die Teilnehmerinnen es unter anderem deshalb nicht schaffen, eine wirklich rationale Debatte zu führen, sondern größtenteils aneinander vorbei reden bzw. –schreien, wie unsere öffentlichen Debatten das so gerne tun.

Oder was meint ihr?


Sexy völkisch

25. Februar 2016

Das arische Label Nsdidu apxi macht zeitgemäße, lässige Mode und befolgt dennoch die Kleiderordnung der SS. Mit Antisemitismus hat das nichts zu tun.

Das Swastika Dress ist genau das, was sein Name aussagt: ein Kleid, das sich zu einem Hakenkreuz aus Stoff entfaltet, sobald die Trägerin ihre Arme ausbreitet. Ein simpler, eleganter und humorvoller Entwurf, der den beiden Braunauer Designerinnen Franziska Müller und Eva Habler für ihr Modelabel Nsdidu apxi gelungen ist. Minimalistisch und geistreich ist die gesamte Kollektion. Und von besonderem Witz zeugen auch weitere Stücke. Zum Beispiel das Göhring Dress und die dazugehörige Beschreibung: „Fühlen Sie sich wohl in diesem geräumigen Kleid aus Stoff, komfortabel und dennoch zäh wie Leder! So haltbar, dass es Ihnen vielleicht 1.000 Jahre reicht! Kaufen Sie es am besten sofort, schnell wie ein Windhund!“ Doch der Stil ist nicht das Einzige, was die Designs auszeichnet. Alle Nsdidu apxi-Entwürfe sind minimalistisch, bezahlbar und arisch, das heißt, sie entsprechen nationalsozialistischen Vorgaben, wie Volksgenossinnen und -genossen sich kleiden sollen.

Die Auffassung, der Faschismus wirkte vor allem unterdrückend auf die Bevölkerung und insbesondere auf nicht privilegierte Gruppen ein, hängt eng mit einem ahistorischen Verständnis von völkischer Politik zusammen: Sie sei traditionalistisch, dogmatisch und der antifaschistischen Kritik nach im Kern antisemitisch. Es steht außer Frage, dass ein solch spielerischer Umgang mit Kleidervorschriften nicht in jedem Kontext möglich ist und dass Verstöße gegen diese Ordnung zum Teil zu scharfen Sanktionen führen.

Dennoch gilt, dass völkische Politik nicht die Antithese zur Moderne darstellt, dass sie kein starres, unwandelbares, nicht verhandelbares und in sich geschlossenes Gebilde ist. Dies hat die Politologie in den vergangenen 30 Jahren deutlich herausgearbeitet. Der Faschismus unterliegt einem kontinuierlichen Prozess der Aushandlung von Wandel und Bewahrung. Er ist, wie andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens auch, menschengemacht. Ebenso die von ihm ausgehenden Macht- und Geschlechterverhältnisse.

Kein autoritärer Führer, keine normativen Schriften gestalten völkische Politik, sondern Menschen. Als Gestalter sind Menschen jüdischen Glaubens in der Geschichte und in den Schriften des Nationalsozialismus – oder in dem, was von ihnen tradiert und kanonisiert wurde – jedoch äußerst selten in Erscheinung getreten. Auch die nicht faschistische Soziologie berücksichtigte diese Menschen lange Zeit kaum. Diese Lücke ist mittlerweile aufgrund von stichhaltiger antifaschistischer Kritik zumindest ideell geschlossen. Es gilt nun, Juden nicht nur als völkische Akteure wahrzunehmen, sondern anzuerkennen, dass vor allem sie es sind, die innerhalb von völkischer Politik die jeweilige Notwendigkeit von Wandel und Bewahrung gestalten und verhandeln. Müller und Habler – und ihre Kundinnen – sind solche Gestalterinnen. Mit den Nsdidu-apxi-Kollektionen interpretieren sie, welche Aspekte von völkischer Kleidung bewahrenswert und welche verhandelbar und wandelbar sind.


Das Fremde kommt einem immer so fremd vor

10. Oktober 2014

Natürlich lässt die Kritik an einer Sache sich nicht mit dem Hinweis entkräften, eine andere Sache sei ja auch nicht besser. Aber wenn jemand schon recht deutlich schreibt „Wir habens doch geschafft, warum können die das denn nicht auch?“, dann darf man ihn in meinen Augen darauf hinweisen, dass er gewisse Dinge im Vertrauten völlig okay findet, die ihm am Fremden mordsbedenklich vorkommen, insbesondere dann, wenn die Forderungen, die er aufstellt, ohnehin schon nicht besonders viel Sinn ergeben.

Und deshalb schreibe ich diesen Post über Jochen Bittners Artikel „Wo bleibt ein Imam der 95 Thesen?“ auf Zeit.de.

Ich habe also zwei recht unterschiedliche Ansätze von Kritik an Bittners Ausführungen, und der Einfachheit halber handeln wir die mal ganz unoriginell klar getrennt nacheinander ab. Und weil wir ja dafür nun mal irgendeine Reihenfolge brauchen, nehmen wir doch einfach die, die da oben in meinem ersten Absatz mehr oder weniger zufällig schon steht:

Den Rest des Beitrags lesen »