Zivilcourage

2. Juli 2012

ist schon lange ein Problem für mich; oder genauer: Ihre Abgrenzung von aufdringlicher Einmischung in die Angelegenheiten anderer Leute. Gerade heute Morgen fiel mir ein treffliches Beispiel dafür in die Hände. An den Briefkasten einer Nachbarsfamilie fand ich nämlich (außen, für jeden lesbar) das folgende Schreiben geheftet:

Sehr geehrte [Nachbarn von Muriel],

bitte entfernen Sie den Einkaufswagen, den Ihre Kinder am Samstagabend angeschleppt haben. Zum einen könnten durch den Einkaufswagen Fahrzeuge beschädigt werden, zum anderen glaube ich kaum, dass sich die Mehrzahl der Hausbewohner in einem asozialen Umfeld wohl fühlt.

Sollte der Einkaufswagen nicht bis um 12:00 entfernt sein, werde ich mich darum kümmern, was teuer für Sie werden könnte, da der Rewe-Markt vermutlich eine Anzeige erstatten wird.

Mit freundlichen Grüßen

[ein anderer Nachbar von Muriel]

Tatsächlich steht in dem kleinen Graben, der den Bürgersteig vor unserem Haus von der Straße trennt, ein Einkaufswagen, der ein Fahrzeug eigentlich nur dann beschädigen kann, wenn es ihm irgendwie gelingt, aus eigener Kraft da raus zu klettern, den Bordstein zu überwinden und dann eines der geparkten Autos böswillig zu attackieren. Oder wenn jemand sein Fahrzeug in diesen Graben lenkt. Man weiß ja nie. Nur, falls es euch interessiert.

Zur Sache: Das ist nicht nur das womögliche armseligste Ultimatum, das ich seit Langem gelesen habe (Wenn Sie den Wagen nicht bis 12 entfernen, dann … dann… dann mach ich das halt!), es wirft auch ansonsten in meinen Augen ein eher ungünstiges Licht auf den Charakter des Verfassers. Und dass er Keoni und mich und die anderen Bewohner quasi ungefragt für sein Anliegen rekrutiert hat, das sticht mich schon ein bisschen, denn wir beide würden zum Beispiel lieber in einem von diesem Menschen als asozial empfundenen Umfeld wohnen als in einem Umfeld, das von solchen traurigen Blockwartsgehilfen wie ihm behelligt wird. Ich wäre einerseits versucht, diese Meinung irgendwie öffentlich zu äußern, sei es, durch einen ähnlichen offenen Brief, sei es durch einen Aufkleber an meinem eigenen Briefkasten. Andererseits geht mich die ganze Sache wirklich nichts an, ich kenne die Hintergründe nicht, und mich hat auch niemand nach meiner Meinung gefragt. Irgendwie wäre es also auch denkbar uncool, sich da jetzt reinzuhängen, allein schon, weil es tragisch genug ist, dass zwei Leute mit solchem Bullshit ihre Zeit verschwenden, da müssen wir nicht auch noch mitmachen.

Andererseits.

Was meint ihr?


Zivilcourage, die Zweite

19. Februar 2011

Ich wollt’s euch eigentlich ersparen, aber nachdem Bioschokolade mich nun sogar explizit dazu aufgefordert hat, mich ausführlicher mit Frau Käßmann und ihrem europäischen Preiskulturstiftungsdings auseinanderzusetzen, gibt es natürlich kein Halten mehr. Aber keine Angst, ich fasse mich trotzdem kurz:

Ja. Frau Käßmann sollte offenbar den Preis vorrangig für ihr „Lebenswerk“ bekommen, insbesondere dafür, dass sie „Probleme, die gesellschaftlich tabu waren, mit „Klartext“ belegt [hat]. Symbolisch dafür steht ihre Aussage: „Nichts ist gut in Afghanistan“.“ Und sie selbst ist anscheinend der Meinung, sie hätte ihn dafür auch verdient.

Und wie soll ich sagen: Ich hätte es angemessener gefunden, ihn doch nur für betrunkenes Autofahren und den anschließenden Rücktritt zu verleihen.

Dass ich an einem Leben als Geistliche und Bischöfin zunächst mal grundsätzlich nichts Preiswürdiges finde, ist euch sicherlich allen klar, das muss ich wohl nicht erklären.

Insbesondere finde ich aber nichts, was diesen Preis verdient hätte. Nichts ist gut in Afghanistan? Ja, Wahnsinn! Wie mutig muss man eigentlich sein, um öffentlich auf die Fehler und Probleme anderer hinzuweisen und zu sagen, dass man Krieg doof findet? Dass im Krieg Menschen sterben, traut sich hierzulande ja wirklich niemand zu sagen, außer unserer Klartext-Bischöfin Margot Käßmann. Hätte sie uns nicht darauf hingewiesen, wir hätten nie erfahren, dass Soldaten Waffen benutzen. Danke auch!

Hu. Verzeihung, lasst mich mal kurz durchatmen.

So, jetzt geht’s wieder. Hab mich gerade ein bisschen in meinen Ärger hineingesteigert. Trotzdem bleibt es dabei: Ich finde an ihren Äußerungen damals nichts Lobenswertes, und auch nichts Couragiertes. Was hat es sie gekostet, das zu sagen? Genau. Es gibt genug Menschen, die wirklich Opfer bringen und Risiken eingehen, um Gutes zu tun. Das ist Zivilcourage. Welches Opfer hat Frau Käßmann gebracht?

Der Rücktritt hat sie immerhin ihren Job gekostet. Das Gejammer darüber, wie furchtbar Krieg ist, war gratis.


Zivilcouragekulturstiftungseuropadingsgedöhns

13. Februar 2011

Diejenigen unter euch, die der Meinung waren, dass Margot Käßmann mit Spekulationen über ihre Eignung für das Bundespräsidentenamt und allgemeiner öffentlicher Hochachtung noch nicht ausreichend belohnt war für die grob fahrlässige Gefährdung der Leben anderer Menschen, können jetzt aufatmen: Ihr wird für’s Autofahren unter Alkoholeinfluss der Europäische Kulturpreis für Zivilcourage verliehen. (Ja, ich habe natürlich gesehen, dass der Preis sich offiziell darauf bezieht, dass sie deshalb ihr Amt aufgegeben hat, was angeblich Mut erfordert. Das ist aber Blödsinn.)

Der Preis klingt zwar erheblich bedeutender, als er meines Wissens ist, und wenn man sich nur die Homepage der Europäischen Kulturstifung mal anschaut, drängt sich schon durchaus die Frage auf, ob dieses Ereignis überhaupt einen Blogeintrag verdient, aber es geht mir hier wie so oft ums Prinzip. Und weil ich Frau Käßmann sowieso noch nie leiden konnte, halte ich es trotz allem für angebracht, ein paar Minuten meiner Zeit zu opfern, um hier mehr oder weniger öffentlich festzustellen:

Courage ist was anderes.

Nachtrag, 15. Februar: Frau Käßmann hat mitgeteilt, dass sie den Preis zwar absolut verdient hätte, ihn aber jetzt aufgrund der Berichterstattung einiger Medien (Ich glaube, ich bin nicht gemeint.) nicht mehr annehmen kann. Naja.


Manche Busfahrer sind ganz besondere Menschen

12. Juli 2009

Vor einigen Monaten stieg ich wie so oft am Hamelner Bahnhof in den Bus in die Innenstadt. Kurz vor der Abfahrt erschien ein Rollstuhlfahrer vor der Eingangstür des Busses und rief dem Fahrer zu:
„Mach mal die Rampe auf, da hinten!“
Der Busfahrer antwortete:
„Nee, das geht nicht.“
Rollstuhlfahrer: „Wieso geht das nicht?“
Busfahrer: „Kann ich nicht, ich hab’s mit dem Rücken.“
Rollstuhlfahrer: „Aber wie soll ich denn reinkommen? Ich muss doch in die Stadt!“
Busfahrer: „Ich kann den Bus ein bisschen ankippen, dann können Sie’s ja mal versuchen.“
Rollstuhlfahrer: „Nein, das klappt nicht, Sie müssen die Rampe aufmachen.“
Busfahrer: „Nee, mach ich nicht. Da laufen die Leute mit ihren dreckigen Schuhen drüber, und ich soll das dann mit meinen Händen anfassen, oder wie?

Das war der Moment, in dem neben mir noch einige andere Fahrgäste ihre Ungläubigkeit abschütteln konnten. Ich begann zusammen mit drei, vier anderen aufzustehen, und ein ziemlich alter Herr rief:
„Lassen Sie mal, ich mach das.“
Der Rollstuhlfahrer nickte dem älteren Herrn zu, winkte aber ab.
„Schon gut“, rief er, „Ich komm auch so in die Stadt“, und fuhr weg.
Wir sahen uns ziemlich verdattert an und setzten uns wieder. Vereinzelt wurde entrüstet gemurmelt. Der Bus fuhr los.

Vor dem Verlassen des ZOB hielt der Fahrer noch neben einem anderen Bus, um dessen Fahrer durchs Fenster zuzurufen:
„Was denken die sich denn mit diesen blöden Rampen? Sollen wir uns da den Rückend ran kaputtmachen, oder wie? Das gibt’s doch elektrisch, warum bauen die das nicht auch bei uns ein?“
Was der andere Fahrer antwortete, konnte ich nicht verstehen.

Ich denke, dass ich irgendetwas hätte tun sollen. Wisst ihr, was?